Die Broschüre "Zur Sache Nr. 4 April 1996 "

Risiko CASTOR

Argumente gegen die Atommüll-Lagerung in CASTOR-Behältern

Inhaltsverzeichnis:

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Die Broschüren der Reihe "Zur Sache" erscheinen unregelmäßig und liefern Einschätzungen und Hintergrundinformationen zum Widerstand gegen die Atomanlagen in Gorleben

Sie werden herausgegeben von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. Preis: 2 DM 1. Auflage: 500, April 1996 RedakÜon: W.Ehmke, M. Nesemann, J.Stay Gestaltung: Martin Nesemann Druck: Köhring, Lüchow Copyright: BI Lüchow-Dannenberg e.V. Die Autoren: Wolfgang Ehmke Vorstandsmitglied der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. Martin Nesemann Redakteur der Zeitschrift "anti atom aktuell" Udo Jentsch Physiker, Wissenschaftlicher Beirat der BI Lüchow-Dannenberg, Fachgruppe Radioaktivität

Zu diesem Heft

Der teuerste und aufwendigste Polizeieinsatz der Nachkriegsgeschichte galt dem Geleitschutz für eine strahlende Mülltonne mit der Typenbezeichnung "TS 28 V". 19.000 Uniformierte waren aufgeboten, den Transport von der französischen Plutoniumschmiede Cap de la Hague ins niedersächsische Gorleben durchzusetzen. Nur mit "militärischen Mitteln" und durch das Außerkraftsetzen fundamentaler Grundrechte - denn wieder galt ein Demonstrationsverbot auf der Transportestrecke lassen sich Castortransporte im Wendland durchsetzen.

Bereits in den Jahren zuvor, 1994 und 1995, stand die Region quer, als ein erster Castorbehälter mit abgebrannten Brennelementen aus dem AKW Philippsburg nach Gorleben rollen sollte. Seit dem 25. April vergangenen Jahres ist die Halle mit ihren 420 Stellplätzen nicht mehr verwaist: 11 1/2 Jahre nach der Genehmigung war die Inbetriebnahme des "Zwischenlagers" nicht mehr aufzuhalten. Wer in diesem Dauerkonflikt um Gorleben auf Gewohnung setzte, hatte allerdings auf die falsche Karte gesetzt.

Die Begleitumstände des ersten Castortransports mobilisierten zusätzlich Menschen, die versprachen: "Jetzt erst recht! Wir stellen uns quer am Tag X2." Dieses Versprechen wurde eingelöst, über 10.000 Menschen demonstrierten am Wochenende vor dem Transporttermin in Dannenberg, Tausende blieben in Aktion, um dann auf den letzten 18 Kilometern Straße nach dem Umsetzen des Behälters von der Schiene auf einen Tieflader dessen Weiterfahrt massiv zu behindern. Abgebrannte Brennelemente und Kokillen stehen jetzt in Gorleben herum. Sie illustrieren zwei Facetten des Atommüllfiaskos: Kokillen sind das Abfallprodukt der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente, eines wirtschaftlich und ökologisch unsinnigen Unterfangens, bei dem das Atommüllvolumen um den Faktor 10-15 vermehrt wird und Plutonium, der Bombenstoff, abgezweigt wird. Die Brennelemente hingegen markieren den Pfad der "Direkten Entsorgung" ohne Wiederaufarbeitung. Ein Zwischenlager ist kein Entsorgungsschritt, sondern eine Notlösung, die Wiederaufarbeitungsanlage ist kein Entsorgungsbeitrag. Erzeugt wird lediglich die gesellschaftliche Fiktion, die Entsorgung sei gesichert. Wie die Behälter, so werden in Wirklichkeit die Probleme der Atommullentsorgung lediglich hin und hergeschoben.

Die vorliegende aktualisierte Auflage dieser Broschure stellt zunachst die Geschichte der Atomanlage(n) in Gorleben dar; aus dieser Chronologie wird verständlich, wie es dazu kommt, daß Menschen zu Tausenden gegen einen Atommull-Transport angehen. Sie fasst in übersichtlicher Form Argumente zusammen, die gegen die Nutzung der Leichtbauballen in Gorleben, aber genauso in Ahaus und Greifswald immer wieder vorgebracht werden müssen. An die tatsächlichen Verhältnisse wird einmal der Maßstab der offiziellen Schutzziele gelegt. Und schließlich bemüht sich dieses Heft, die schwierige Diskussion um den Strahlenschutz auch für Nichtfachleute nachvollziehbar zu machen.
Wolfgang Ehmke

 

Wolfgang Ehmke

Das Brennelement "Zwischen"-Lager Entstehung des Lagers

"Wohin mit ausgedienten Brennelementen aus Kernkraftwerken?" Da fragte der einstige Vorsitzende de Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffe (DWK), Scheuten, in einer von de Frankfurter Rundschau dokurmentier ten Zusammenstellung im Jahre 1980 Seine eigene Antwort: "Die Genehmigungsverfahren für die Brennelement-Zwischenlag in Gorleben und Ahaus sind eingeleitet. Wir rechnen damit, die Bau- und Verfahrungsgenehmigungen im Laufe des Jahres 1981 zu erhalten. Die relativ kurze Bauzeit eines solchen Zwischenlagers läßt erwarten, daß ein erstes Brennelement-Zwischenlager im Jahre 1982 aufnahmebereit zur Verfügung steht. " Die DWK hat sich getauscht, zwar war 1983, ein Jahr später als erwartet, die Halle errichtet, aber bis 1995 konnte kein CASTOR eingelagert werden.

Das Brennelement-Zwischenlager ist ein Fossil aus den Planungen für das "Nukleare Entsorgungszentrum" in Gorleben; der erste Bauabschnitt waren das Brennelement-Eingangslager, ein Bereitstellungslager für die spätere Wiederaufarbeitung an Ort und Stelle. Nach der erfolgreichen Verhinderung der WAA-Pläne in Gorleben hielten sich - trotz regierungsoffizieller Dementis - hartnäckig die Geruchte, in Gorleben sei ein Brennelement (BE)Zwischenlager geplant; 1981 wurden dann auch die baurechtlichen Genehmigungen eingeholt. Das atomrechtliche Genehmigungsverfahren wurde nach § 6 AtG durchgeführt, dieser Paragraph sah keine offentliche Anhörung vor. Die fand unter dem Druck des Protests schließlich doch statt, und zwar am 28.1.1981 "wie nach §7 AtG". Rechtlich war sie aber ohne Bedeutung. ImAtomGesetz (AtG) bis zu seiner Novellierung 1989 waren keinerlei Aussagen zu einem atomaren Zwischenlager zu finden, diese war schlicht bei der Abfassung desAtG nicht vorgesehen. Erst der Entsorgungsnotstand und der faktische Entsorgungsdruck brachten dieAtomlobby auf den Gedanken, mit dem Bau von Zwischenlagern konne Zeit überbrückt werden bis zur Inbetriebnahme eines Endlagers. Ein wesentliches Argument, das im schier endlosen Rechtsstreit von den KlagerInnen vorgebracht wird, wirft ein Licht auf die Improvisiertheit derartiger Lösungen: "Es gibt keine Entsorgung der Entsorgung". Es existiert kein Endlager fur den hier gelagerten Atommüll, und es besteht auch keine Aussicht auf eine verantwortbare Dauerlösung. Aber selbst ganz banal: Sollte ein CASTOR-Behalter schadhaft oder das Deckelsystem defekt sein, mußte er zum nachstgelegenen AKW bzw. zum Absender zurückgeschickt werden.

Eine Halle für viele Zwecke

Das CASTOR-Lager wird eine Mehrzweckanlage sein. Der Entsorgungsnotstand hat schon vor Inbetriebnahme eine neue Blüte hervorgetrieben: verglaste, hochaktive Abfalle sollen ebenfalls, in einen Behälter ( als Castor HAW 20/28 oder im Behälter französischer Bauart TS 28 V) gepackt, aus LaHague kommend ins Gorlebener Zwischenlager gebracht werden (mittlerweile heißt es ab 1996). Der Genehmigungsbehörde lag schon seit 21.6.88 ein derartiger Antrag der DWK vor. Nach alter Definition der "Entsorgungsberichte" der Bundesregierung sollten die hochaktiven Glaskokillen eigentlich in einem "Sicherstellungslager" auf die Endlagerung warten, nun ist klar, da niemals ein entsprechender Standort fur das "Sicherstellungslager" benannt wurde, daß wiederum Gorleben dafür herhalten muß.

Zu den Mengen findet sich in den Genehmigungsunterlagen fur die WAA Wackersdorf ein entsprechender Hinweis: demnach sollten in Gorleben bei einer Gesamtkapazitat von damals 1.500 Tonnen Schwermetall (tSM) allein 1.200 t SM für diese Abfälle reserviert bleiben. Vermutlich hat die DWK, zu dieser Zeit Bauherrin in Wackersdorf, hier aber übertrieben: Um ihr umstrittenes WAA-Projekt voranzutreiben, hat sie wohl die Dringlichkeit einer ersten Baustufe, nämlich einer CASTOR-Halle wie inAhaus und Gorleben, hervorheben wollen. Wahrscheinlich wird das Zwischen lager auch als Pufferlager für konditionierte Abfälle aus der Pilotkonditionierungsanlage (PKA) herhalten müssen. Ein Vorhaben, das der Gorlebene CASTOR-Halle weiteren Müll beschert hatte, liegt glücklicherweise derzeit auf Eis. Im ehemaligen Salzbergwerk Asse II sollte, in Hinblick auf den Salzstock Gorleben, mit Kokillen experimentiert werden, die in der US-amerikanischen Atombombenfabrik Hanford mit einer hochbrisanten Füllung hergestellt wurden. NachAbschluß der Versuche oder irn Falle einesAbbruchs bei einem Störfall war Gorleben als Entsorgungsmoglichkeit vorgesehen. Mangels Endlager ist klar, daß die angekündigte Lagerzeit (= Betriebszeit?!) von 40 Jahren mit Sicherheit uberschritten werden wird. Bestrebungen, die Lager 100 Jahre zu betreiben, wurden in der CDU/CSU offen diskutiert. Wer weiß, welchen Zwecken die Halle im Gartower Forst bis dahin noch zugedacht wird?

Chronologie in Stichworten

1976 Das Brennelementlager wird zu nächst als "Eingangslager" für die WAA (Wiederaufarbeitungsanlage) Gorleber geplant. Es ist ein Naßlagerkonzept, vergleichbar den Abklingbecken im Atomkraftwerk.

1979 Die Planungen für die WAA werden nach heftigen Protesten der Bevölkerung (Treck nach Hannover, Verhinderung von Probebohrungen) von der niedersächsischen Landesregierung unter Ernst Albrecht (CDU) gestoppt.

1981 Der Samtgemeinderat Gartow gib durch die Änderung des Flächen- nutzungsplanes grünes Licht für den Bau eines Zwischenlagers. Wie sich erst langsam herauskristallisiert, geht es um 2 Lagerhallen: eine für schwach- und mittelaktive Abfälle, das Faßlager (es nahm 1984 nach massiven Blockadeaktionen den störanfälligen Betrieb auf) und das BE Zwischenlager.

5. 9.1983 Die Aufbewahrungsgenehmigung für das BE-Zwischenlager wird durch die PTB erteilt (damals Physikalisch-Technische Bundesanstalt, heute liegt die Genehmigung in der Zuständigkeit des Bundesamtes für Strahlenschutz, BfS). Fassungsvermögen: 420 Stellplätze für die CASTOR Transport/Lagerbehälter das sind 1.500 t Schwermetall (Uran Plutonium, andere Spaltprodukte) Trockenlagerung, Luftkühlung in der Lagerhalle, ohne Filterung, ohne weitere Sicherheitsbarrieren, z.B. ohne ausreichenden Schutz vor Flugzeugabsturz. (Im Wendland finden inzwischen militarische Übungsflüge (Tiefflüge statt.) Die Aufbewahrungsgenehmigung wurde iiber die gesamte Dauer der Auseinandersetztung erstinstanzlich vor dem Verwaltungsgericht Stade, Kammer Lüneburg beklagt, ohne daß bis zur ersten Einlagerung im April 1995 eine Verhandlung in der Hauptsache stattfand!

16.12.83 Ein erster Leerbehälter erreicht per Bahn den Bahnhof Dannenberg-Ost- Rund 100 DemonstrantInnen behindern das Umladen von der Schiene auf den Straßentransporter.

Februtar 1985 Ein zweiter Probetransport für Übungszwecke aus dem AKW Stade rollt unter Polizeischutz nach Gorleben.

März 1985 Der erste Einlagerungsversuch aus dem AKW Stade scheitert, der Sofortvollzug für die Transportgenehmigung wird erfolgreich angefochten.

1. Mai 1988 Auf einem Ratschlag der BI Umweltschutz wird das "300- Leute-Konzept" verabschiedet. Die BI will offen zu gewaltfreien Blockaden gegen Castortransporte aufrufen.

6.9.1988 Ein zweites Mal ordnet die PTB "Sofortvollzug" an. Die veränderte Ausgangslage: Bundesumweltminister Klaus Topfer (CDU) hat auf der Jahrestagung Kerntechnik durchgesetzt, daß das Absender-Atomkraftwerk vier Wochen vor einem Transport nachgewiesen haben muß, daß ein defekter Castor zwecks Reparatur ins AKW zurückgebracht werden kann.

21.9.88 über 400 Menschen erklaren per Inserat in der ElbeJeetzel-Zeitung öffentlich, sie stellen sich quer, wenn der Castor rollt. Das intern gesteckt Ziel, mindestens 300 Mittäter/innen zu finden, ist übertroffen, aber die erste Mobilisierungskampagne wird fortgesetzt.

März 1989 Der nächste Transport - vermutlich wieder aus Stade - wird gerichtlich verhindert. Startschuss fur die Mobilisierung "Wir stellen uns quer!" mit der Unterstützung von über 700 LüchowDannenberger/innen DasVerwaltungsgericht will bis 30. April in der Hauptsache entscheiden.

17.4.1990 Das Verwaltungsgericht läßt die Entscheidung in der Hauptsache schleifen, weil es keine weitere konkrete Transportanmeldung gibt. Da die Brennelementlagergesellschaft Gorleben (BLG) gegen den Richterspruch im März Beschwerde eingelegt hat, ist die Lage juristisch diffus, deshalb wird die Mobilisierung nicht abgebrochen. Jeden Montag finden Blockaden der Zwischenlagerzufahrten (April bis September) unter dem Motto "Gorleben bebt!" statt. Der Transport wird schließlich kurz vor den Landtagswahlen endgültig abgesagt.

April/Mai 1991 Dritter CASTOR-Alarm, nachdem auch die Revisionsverhandlung gegen den Sofortvollzug vor dem OVG Luneburg gescheitert ist. 420 Lüchow-DannenbergerInnen erklären erneut in Zeitungsinseraten: "Fur den CASTOR ist ein Durchkommen ohne polizeistaatliche Methoden nicht möglich."

Januar 1992 Besuch von Innenminister Glogowski (SPD). Er wirbt für Verständnis, daß es bei einem BE-Transport zu Polizeieinsätzen kommen wird. Gegenforderung: Verzicht auf Transportbegleitung!

Dezember 1992 Vierte Mobilisierungswelle, der CASTOR soll aus dem AKW Gundremmingen (Ulm) kommen. Er wird ebenfalls abgesagt, um die Atomkonsensgespräche, die mittlerweile in Bonn anberaumt sind, "atmosphärisch nicht zu belasten".

Ab 6.9.93 findet in Gorlebens Mehrzweckhalle die atomrechtliche Erörterung der Nutzungserweiterung einer noch leeren Lagerhalle statt.

10.-12.9.93 CASTOR-Halle-Luja. Blockaden, Filme, Kinderfest, Disco, Ausstiegsdebatte - 10 Jahre erfolgreiche Politik zur Verhinderung des CASTORs muß gefeiert werden, und zwar vor Ort. Im Mai/Juni 1994 sickert durch, daß ein Castortransport aus dem AKW Philippsburg in Planung ist. Zwischenzeitlich mußte das Behälterkonzept konstruktiv nachgebessert werden. Diese fünfte Mobilisierungswelle zog sich über Wochen und Monate hin. Höhepunkt: Castornix, das, Huttendorf.

Ab 19.7.94 steht der Castor abfahrbereit auf dem Betriebsgelände in Philippsburg. Die niedersachsische Landesregierung bockt, sie will den scharzen Peter an den Bonner Umweltminister Töpfer abtreten der soll per bundesaufsichtliche Weisung den Transport verantworten.

21.11.94 Einen Tag vor Abfahrt des Sonderzuges wird das Signal vom Verwaltungsgericht Lüneburg erneut auf Rot gestellt. Die Richter monieren mit Blick auf Pleiten, Pech & Pannen beim Beladen des Behalters "Regelungsdefizite". Am 23.1.95 kassiert die nächste Instanz, das OVG Lüneburg, diese Entscheidung. Der Count-down beginnt erneut. Weitere rechtliche Einsprüche werden abgeschmettert.

25. April 1995 = Tag X:

Der erste Behälter mit abgebrannten Brennelementen wird eingelagert.

2. Juni 95 Das BfS genehmigt die sogenannte Nutzungserweiterung des BE-Lagers. Von den 420 Stellplätzen werden 160 für die hochaktiven, verglastenAbfälle aus der Wiederaufarbeitung in LaHague bzw. Sellafield reserviert (Glaskokillen). Außerdem darf künftig kompakter gelagert werden: in der gleichen Halle statt 1.500 t Für 1995 kündigen die Betreiber weitere BE-Transporte: aus Biblis, Gundremmingen und Neckarwestheim an, außerdem sollen 3 Behälter mit den Kokillen aus La Hague kommen. Nichts passiert! Im Herbst 1995 beginnt die Kalthantierung der Behalter in Gundremmingen und La Hague, gerät aber völlig aus dem Zeitplan. 8. Mai 1996

Der Tag X2

19.000 Polizisten und BGSler "sichern" die Transportstrecke im Bundesgebiet. 8000 Uniformierte prügeln den Weg von Dannenberg bis Gorleben fur den Kokillentransport aus La Hague, den Behälter mit der Typenbezeichnung "TS 23 V" frei. Uber 12.000 Menschen hatten am Wochenende zuvor gegen Castortransporte und für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie protestiert, über 4.000 Menschen stellten sich phantasievoll quer. Für den Herbst 1996 kündigt die BLG drei weitere Transporte an. Der Verladebahnhof in Dannenberg soll erweitert werden. Unsere Parole: NIX3 - Wir stellen uns quer! Die neue Genehmigung wird von der Rechtshilte Gorleben vor dem OVG Liineburg beklagt. Der Sofortvollzug wird im April 1996 vom OVG Lüneburg bestätigt. D.h. erst wird eingelagert, später in einem Hauptsacheverfahren entschieden. Das - erste - Verfahren in der Hauptsache in der Geschichte der juristischen Ausseinandersetzung um den Castor wird auf den 21./22 August 1996 terniniert.

Entschieden wird allerdings der Widerstand sein, den nächsten Transport gleich, ob er aus Gundremmingen oder La Hague kommen soll, - erneut zu verhindern.

Martin Nesemann

Der CASTOR kommt!

"Der CASTOR kommt" ist ein Alarmruf, der eine ganze Bewegung gegen Atomkraft wieder wachgerufen hat. Der Protest und der Widerstand gegen die Atommüll-Lagerung in Hallen wie in Gorleben, in Ahaus oder Greifswald wird mit vielerlei Argumenten begründet. Die wichtigsten sollen hier zusammenfassend dargestellt werden.

Das Konzept

Kühlung per Atemluft

Abgebrannter atomarer Brennstoff aus Atomkraftwerken strahlt nach dem Einsatz im AKW noch Tausende von Jahren. Daneben entwickelt er auch Jahrzehnte spater noch Hitze in beträchtlichem Ausmaß. Diese sogenannte Nachzerfallswärme wird, solange sich die Brennelemente im AKW befinden, über Kühlwasser abgeführt.

Das CASTOR-Lager ist nach dem Trockenlager-Konzept gebaut. Hier wird die Wärme nicht aufwendig und storanfallig weggespült. Nach den Gesetzmäßigkeiten der Natur sorgt in diesem Konzept vorbeistreichende Luft dafür, daß sich der Strahlenmüll nicht so erhitzt, daß er seine Behalter zerstort Zwischen den Kührippen der Behälter erwärmt sich die Luft und steigt nach doben. So entsteht wie bei einem Heizkorper eine natürliche Luftbewegung, Konvektion genannt, die die Wärme verteilt. Wird diese Konvektion durch nichts gehemmt, trägt sie die Wärme davon. Damit dieses Prinzip funktionieren kann, muß eine CASTOR-Halle eine zugige Angelegenheit sein. Wie die Skizze zeigt, befinden sich ringsherum an den Wänden Luftschlitze, durch die kältere Luft hereinstromt. Im Dach sorgen Offnungen dafür, daß die Luft erwärmt abstreichen kann. Kommt es nun im Inneren der Halle zur Freisetzung von Radioaktivitat, dann wird sie zwangsläufig mit nach draußen getragen. Irgendwelche Filter würden dieses Prinzip der Naturzug-Kühlung stören. Das Kühlmittel des Atommülls ist also die Atemluft der Umgebung.

Probleme bei der Langzeitsicherheit

Wenn es tatsächlich gelingt, Brennelemente in einen CASTOR-Behälter zu laden, den Behalter vollig dicht zu verschließen und so zu reinigen, daß ihm keine radioaktiven Teilchen mehr anhaften, dann ist die Frage, wielange er wirklich dicht bleibt. Durch vier Haupt-Probleme ist die verlangte Langzeitsicherheit in Frage gestellt:

Die Flüchtigkeit mancher radioaktiver Stoffe - die Gase von Jod, Krypton und Tritium sind durch die kleinen Moleküle in der Lage, winzigste Risse zu durchdringen.

Korrosion - auch das Vorhandensein geringster Spuren von Wasser laft die Behälter irn Dichtungsbereich korrodieren. Im Zerfall der Atome entsteht ein Gemenge aus chemischen Elementen, über deren Aggressivität gar keine Aussage zu wagen ist. Wie die Zeichnung zeigt, sind es vier Kunststoff-Dichtungen und lediglich eine Metalldichtung, die die Gase am Entweichen hindern sollen. Bei den Elastomerringen ist klar, daß sie nach wenigen Jahren mürbe sind. Die Metalldichtung des Primardeckels darf dann keinesfalls Beschadigungen oder Rostspuren aufweisen.

Die Druckverhältnisse - im Reaktor stand dem Druck im Innern der Brennstäbe der Druck des Wassers von außen entgegen und sorgte für eine relative Balance. Ohne diesen Gegendruck werden die Hüllrohre der Brennstäbe bis zum Zerreißen belastet, wenn sie nicht schon durch den Einsatz im AKW beschädigt wurden. Im CASTOR-Behälter entsteht auf diese Weise ein Gasdruck, der radioaktive Stoffe nach außen drängt.

Haftschicht-Schäden - zum Schutz vor Korrosion ist das Behälterinnere mit Nickel beschichtet. Mit welcher Qualität diese Beschichtung im Einzelfall aufgebracht wurde, ist zweifelhaft. Aus dem Behalter fur den Transport aus Philipsburg nach Gorleben wurde ein Häufchen Nikkelspäne von immerhin 180 g herausgesaugt. Unter dem Dauerbeschuß durch Elektronen und Neutronen, in der Hitze und unter Druck ist fraglich, wielange die Schicht ohne Risse bleibt.

Keine Reparatur vor Ort

Tritt, aus welchem Grund auch immer, bei einem Behälter ein Schaden auf, dann ist keine Möglichkeit vorgesehen, den Behälter zu öffnen, zu entladen und zu reparieren. Dies kann derzeit lediglich in einem AKW erledigt werden. Bis 1995 war vorgeschrieben, daß ein defekter Behälter von seinem Herkunfts-AKW zurückgenommen werden mußte. Dies hätte im Notfall eine Fahrt quer durch die Republik mit enormen Emmissionen bedeutet. Durch die Neuregelung ist nun gänzlich ungewiß, welches Atomkraftwerk in der Nähe(?) dazu bereit und technisch in der Lage ist, einen defekten CASTOR aufzunehmen.

Lager-Dauer ungewiss

Technisch ausgelegt sind die Behälter für eine Betriebszeit von 40 Jahren. Doch für die sogenannte "Zwischen"lagerung gibt es kein "danach". Eine verantwortbare Lösung des Atommüllproblems gibt es nicht, und es ist auch keine in Sicht. Ungewollt werden die Transportbehälter-Lager zu oberirdischen Endlagern.

Unterwegs

Behältertests unzureichend Als Beleg für die Sicherheit des CASTOR-Behälters führen die Betreiber gerne die Sicherheitstests an, die an einem Behältermuster durchgeführt wurden. Aber die.können die Realität nur ungenügend darstellen. Im Test fällt ein Behälter aus neun Metern Höhe auf eine Stahlplatte gibt es nicht Brücken, die weitaus höher sind? Die Behälterwand kippt auf einen Stahl-Dorn - und wenn nun der Deckel auf den Dorn trifft? Eine halbe Stunde hält der Behä]ter 800° C aus - kommt es beim Zusammenstoß mit einem Tankwagen nicht zu viel heißeren und möglicherweise längeren Bränden? Getestet wurde ein unbeladener Behalter - wie reagiert er mit seinem tonnenschweren Inhalt? Und wie reagiert der Inhalt: feine Rohren von knapp sechs Metern Länge, gefüllt mit brisanter Ladung?

Schädigung durch Neutronen

Alpha- und beta- Strahlung läßt sich weitestgehend zurückhalten. Für gamma- Strahlung bedarf es bereits dicker Stahl- und Bleischichten. Gegen Neutronenstrahlung reicht auch dies nicht. Aufgefangen wird die erst durch dicke Schichten "weichen" Materials, von Körpergewebe beispielsweise. Der menschliche Körper mit seinem hohen Anteil an Wasser absorbiert hervorragend die Neutronenstrahlung und trägt dadurch Schäden davon, deren Ausmaß bislang völlig unterbewertet wird.

Die Halle

Wechselnde Zwecke

War die Halle in Gorleben ursprünglich als BrennelementEingangslager für eine WAA konzipiert, wurden ihr im Lauf ihrer Geschichte immer weitere Zwecke zugewidmet. Unter dem Druck des Entsorgungsfiaskos sind die Betreiber in abenteuerlicher Weise erfindungsreich.

Flugzeugabsturz

Mittlerweile ist auch das Wendland Tieffluggebiet; die CASTOR-Halle im münsterländischen Ahaus liegt genau unter einer Wendeschleife der dortigen Flugübungen. Aber der Absturz einer Militärmaschine ist nicht vorgesehen. Die Hallen bieten keinen Schutz gegen Flugzeugabsturz. Welches Gefahrenpotential Atomanlagen in Kriegszeiten darstellen, wurde wahrend des Golfkriegs deutlich, als die Bombardierung eines iraLischen Forschungsreaktors versucht wurde.

Wärrneabfuhr nicht gewährleistet.

Es braucht noch nicht einmal die Turbine eines abgestürzten Starfighters einen Behälter zerstören, um Katastrophen durch CASTOR herbeizuführen; allein durch die Trümmer wird die Nachwarmeabfuhr unterbunden. Eine Überhitzung vor allem im Deckelbereich kann dann nicht realistisch ausgeschlossen werden.

Extreme Konzentration

Durch das Zwischenlagerkonzept ist eine ungeheure Konzentration von radioaktiver Srahlung auf einen Ort vorgesehen. Würde die Kapazitat der Gorlebener CASTOR-Halle ausgeschopft, wäre das radioaktive Inventar von 40 Atomkraftwerken des Typs Biblis versammelt. Bei einem Szenario wie einem Flugzeugabsturz summiert sich das Risiko nicht nur; das Risiko potenziert sich, je voller die Halle ist.

Störanfälligkeit der Radioaktivitäts-Überwachung

Zur Werbung fur die Sicherheit der CASTOR-Technik gehört stets der Hinweis auf die permanente Kontrolle an jedem einzelnen Behälter und in und um die Hallen. Wie unzuverlässig dies Kontrollsystem arbeitet, hat sich in Ahaus gezeigt. Dort ging mehrfach der Alarm los zu einem Zeitpunkt, als sich noch gar kein Atommull in der Halle befand. Und was es heute mal zuviel mißt, das mißt es morgen vielleicht zuwenig. Kaum daß die ersten Behalter eingetroffen waren, wurde die nächste Panne bekannt: Zwischen Primarund Sekundärdeckel jedes Behalters wird ein Gas unter Druck gesetzt, und dieser Druck wird laufend angezeigt. Fallt er ab oder steigt er an, ist dies ein Hinweis darauf, daß eine der Dichtungen defekt ist. Statt des vorgeschriebenen Heliumgases, das mit seinen kleinen Molekulen feinste Undichtigkeiten durchdringt, wurde Argon eingesetzt. Nach Angaben des Betreibers wurden "aus Versehen die Flaschen verwechselt".

Neu: Die Kokillen

Keine Produktkontrolle bei der Fertigung der Kokillen Die Vertrage mit der französischen WAA-Firma Cogema räumen weder den AKW-Betreibern noch den Behorden ein Recht auf Produktkontrolle ein. Niemand kann also wissen, was die Kokillen tatsächlich enthalten. Nachträglich feststellen läßt sich das auch nicht, denn der Atommüll ist als Gemisch unbekannter Herkunft in Glas eingegossen. In der belgischen WAA Mol, die nach einem internationalen Skandal geschlossen werden mußte, zeigte sich im nachhinein, was an Etikettenschwindel bei der Atommüll"Entsorgung" üblich ist.

Kritikalitätsgefahr nicht ausgeschlossen.

Auch technisch ist nicht kontrollierbar, aus was genau sich der Inhalt einer Kokille zusammensetzt. Es kann noch nicht einmal ausgeschlossen werden, daß hier eine kritische Masse erreicht wird. Denkbar ist, daß eine Kettenreaktion in Gang kommt, mit all den furchtbaren Folgen, die dann nicht mehr zu vermeiden wären.

 

 


Werden die offiziellen Schutzziele erreicht?


In diesem Beitrag gehen wir ausdrücklich nicht aufStörfälle wie Brände oder Unfälle ein. Natürlich warnen wir davor, daß sie eintreten können. Hier soll untersucht werden, welche Gefahren von einem CASTOR-Behälter ausgeht, wenn er einfach nur dasteht.

Bei der Nutzung des CASTORs als Transport- und Lagerbehälter (TB)
für abgebrannte Brennelementen sollen folgende Schutzziele im sogenannten "bestinunungsgemäßen Betrieb" erreicht werden:

1. Verhinderung einer Kettenreaktion
2. Abfuhr der Nachzerfallswärme
3. Strahlenabschirmung
4. Dichter Einschluß des radioaktiven Behälterinventars

1. Kritikalität
In einem Transportbehälter (TB) sind 4, 9 oder 19 Brennelemente (BE) aus Leichtwasserreaktoren auf dichtem Raum gepackt. Je nach Auslegung des Behälters gibt es auch unterschiedliche Typenbezeichnungen: z.B. CASTOR Ic, CASTOR IIa, CASTOR V/19. Ein CASTOR V/19 kann beispielsweise bei mittlerem BE-Abbrand ca 10 t Uran enthalten, davon ca 80 kg spaltbares U-235.
Eine Kettenreaktion würde ausgelöst wenn von den durch spontane Spaltung freigesetzten Neutronen lawinenartig neue Spaltungen auslöst würden (Kritikalität).
Die Unterkritikalität halten nach heutigem Erkenntnisstand auch atomkritische WissenschaftlerInnen für gewährleistet vorausgesetzt, daß von den Vorschriften z.B. bei der Beladung des Behälters nicht abgewichen wird.
Eine Kettenreaktion wäre auch das Verheerendste, was sich vorstellen läßt. Der Behälter wäre zerstört, und völlig ungehindert würden sich Uran, Plutonium, Jod, Cäsium, Strontium, eben alles, was wir aus der Zeit nach Tschernobyl kennen, in der Region verteilen. Nehmen wir nur einen einzigen CASTOR vom Typ Ila als Referenzbeispiel, dann handelte es sich um ein Zehntel des radioaktiven Potentials, das in Tschernobyl austrat. Werden alle 420 Stellplätze belegt, so entspricht das dem radioaktiven Inventar von 40 Atomkraftwerken.

2. Nachzerfallswärme
Von den in einem CASTOR V/19 befindlichen Brennelernenten darf in der Lagerhalle insgesamt eine Wärmeleistung von 39 kW (zur Veranschaulichung: ca. 20 Haushaltradiatoren) erzeugt werden.
Um zu verhindern, daß die Brennstabhüllen platzen, muß die Brennstabtemperatur unter 3900 bleiben, bei 400 Grad gehen sie kaputt, darüber ist ihre Integrität nicht mehr gewährleistet.
Die Temperatur der TB-Aussenwand beträgt zwischen 65 und 80 Grad Celsius, im Einzelfall bis zu 100 Grad. Die Umgebungsluft in der Halle wird auf über 50 Grad aufgeheizt und mittels Konvektion der Luft abgeführt.
Zwei Probleme möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen. Damit die Luftkühlung funktioniert, darf es keinen "Wärmestau" geben. Daraus erklärt sich auch das Konzept, einfache Leichtbauhallen, "Kartoffelscheunen", als Lagerhallen zu wählen. Da es keine Rückhaltemöghchkeit, keine Filtersysteme oder dergleichen gibt, ist zugleich klar, daß Radioaktivität ungehindert aus dem Lager austreten kann. Im Zusammenhang von Deckelundichtigkeit und der Freisetzung radioaktiver Gase ist es wichtig, darauf hinzuweisen.
Nach der Baugenehmigung darf die thermische Belastung, also die gestellten Behälter, nicht mehr als 9 MegaWatt betragen. Die neue Aufbewahrungsgenehmigung sieht allerdings eine thermische Leistung von 16 MW vor.
Es ist davon auszugehen, daß eine Kühlung in der Halle nicht gleichmäßig funktioniert, wenn sie allein auf Luftkonvektion beruht. Technische Einrichtungen, die die Kühlung "steuern", fehlen aber, sie widersprächen auch dem Grundprinzip der sogenannten "passiven Sicherheit". Dieses Argument wird bekanntlich als angeblicher Sicherheitsvorteil angeführt im Vergleich zu technischen Kühlsystemen, wie sie bei 47er Naßlagerung in Wasserbecken notwendig sind. Die Genehmigung des BfS vom 2. Juni 95 zur Nutzungserweiterung führt das
Prinzip der passiven Kühlung vollends ad absurdum. Es müssen Meßsysteme installiert werden, bevor der 15. Behälter eingelagert wird. Sobald sich die Bauteile des Lagers auf 60' Celsius erwärmen, muß der Eirdagerungsbetrieb unterbrochen we rden, schreibt die Genehrnigung vor, "bis die Zustimmung der atomrechtliche Aufsichtsbehörde zu Abhilfemaßnahmen vorliegt".

3. Abschirmung
Der Zerfall von Kernen ist auch immer von radioaktiver Strahlung begleitet. Sie wird unterteilt in alpha-, beta-, gamma und Neutronenstrahlung.
Alpha- Strahler, z.B. Plutoniumstaub, sind Teilchenstrahler. Sie sind
leicht abschirmbar, da sie nicht einmal durch ein Blatt Papier dringen. Gefährlich wäre - im Fall eines Behälterschadens - die Freisetzung. der radioaktiven Teilchen; werden sie eingeatmet oder verschluckt, nisten sie sich im Körper (z.B. Lunge) ein und verursachen Krebs.
Beta- Strahler sind ebenfalls Teilchenstrahler, nämlich die bekannten Elektronen. Auch diese Strahler sind nicht sehr durchdringend, aber biologisch sehr schädlich, wenn sie in die, Haut eindringen oder inkorporiert werden. Das ist immer dann von Bedeutung, wenn die TB, undicht werden, und somit auch die Teilchenstrahler. freigesetzt werden. Besondere Bedeutung in diesem Zusammenhang haben die gasförnügen Radionuklide Tritium (H-3), Krypton-85 und Jod-129.


Ich unterstelle - was unter Punkt 4 zu erläutern sein wird -, daß das Schutzziel "dichter Einschluß..." nicht in jedem Falle einzuhalten sein wird Damit ist auch eine Abschirmung der beta-Strahlung nicht hinreichend gewährleistet.
Gamma-Strahlung ist keine Teilchenstrahlung, sondern eine elektromagnetische Welle wie das Licht, aber wesentlich energiereicher und durchdringender. Durch die Abschirmung von 45cm der TB-Behälterwände (Gußeisen) wird sie nur abgeschwächt. Vor allem die Isotope Kobalt (Co-60) und Cäsium (Cs-137) bestimmen über Jahrzehnte die Garnmastrahlung.


Dieses Schutzziel ist nicht einzuhalten; da machen uns die Behörden gar nichts vor. Gänzlich abschirmen läßt sich die Gammastrahlung nicht. Hier wird eben per Genehmigung in Grenzwerten festgesetzt, wieviel Gesundheit geopfert werden soll zum Nutzen der Atomtechnik.
Das gleiche gilt auch für die Neutronenstrahlung. Die ganz schweren Kerne (Uran, Transurane) haben die Eigenschaft, daß sie auch ohne ein auslösendes Neutron in 2 oder mehr Bruchstücke unter Aussendung von Neutronen zerplatzen (Spontanspaltung). Die Neutronenstrahlung soll durch Bohrungen und Aussparungen im Deckel- und Bodenbereich der TB, die mit Kunststoff ausgelegt werden, gebremst werden. Trotz dieser Absorber durchdringt ein Teil der Neutronen die Behälterwand.


Nach der Genehmigung für das CASTORlager in Gorleben darf die Dosisleistung an der Behälteroberfläche für Gamma-Strahlung maximal 0,1 mSv/h und für Neutronenstrahlung 0,15 mSv/h betragen.
Wird diese genehmigte Dosisleistung von den Betreibern voll ausgeschöpft, so hat das folgende Konsequenzen:
Ein Mensch, die oder der sich vier Stunden lang in unmittelbarer Nähe eines TB aufhält, hat damit bereits die nach Strahlenschutzverordnung "zulässige" Jahresdosis erhalten.


Für AtomarbeiterInnen gelten andere Grenzwerte. Diese hätten nach 200 Stunden Arbeit in unmittelbarer Nähe zum Behälter ihre Jahresdosis abgekriegt (zur Problematik der "Grenzwerte" vergl. den anderen Beitrag in diesem Heft). Die ArbeiterInnen im AKW bzw. in Gorleben gehören zu den Menschen, die laut Strahlenschutzverordnung auf wundersame Weise das 50-fache an Belastung wegstecken können. Nun gut, ließe sich zynisch aru- nerken, es ist deren Beruf, den sie mehr oder minder frei gewählt haben, und für den sie sich bezahlen lassen.
Zumindest ähnlich strahlenexponiert sind andere, die, ohne groß gefragt zu werden, dieser Belastung ausgesetzt werden: die Transportbegleiter, Fahrer von Atomtransporten, Ran-. gierer bei der Bahn, die Leute bei der Polizei, und die Anwohnerinnen und Anwohner der Transportstrecken.

4. Dichter Einschluß
Es muß an dieser Stelle noch einmal ganz klar gesagt werden: es hängt fast - alles am Deckel! Die Sicherheit des Trockenlagerkonzepts ruht lediglich auf der Vorstellung, daß die Behälter und nur die Behälter die Brennelemente dauerhaft und völlig dicht einschließen.


Auch das vierte Schutzziel wird in der kritischen Betrachtung nicht erreicht, vor allem, wenn wir zwei Annahmen der Betreiber in Zweifel ziehen:
a.)hinsichtlich der Hüllrohrschäden
b.)hinsichtlich der Dichtigkeit und des Werkstoffverhaltens des Dekkelsystems


a.) In punkto Hüllrohrschäden wird in den Sicherheitsberichten in Gorleben eine Schadensquote von 10% eingeräumt. Diese 10% gelten als konservative Schätzung. Dagegen stehen andere Zahlen und Annahmen:
Im Störfallbericht AKW Gundremmingen 1970 heißt es, bei-in BEWechsel sei bei 33 von 143 BE ein Schaden anzunehmen, 1971 bei 38 von 91 BE. Das sieht heute vermutlich nicht mehr so schlimm aus. Trotzdem kann die Schadensquote von 10% keinesfalls als "konser vativ" angesehen werden, wenn ein Unfall unterstellt wird.
Bei einem Bruch der BE-Hülle werden in erster Linie die gasförnügen Nuklide Kr-85,
J-129 und H-3 freigesetzt. Was das heißt im Hinblick auf eine Undichtigkeit der Deckel, läßt sich leicht ausmalen.
Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: werden die BE-Behälter nach Jahren, z.B. nach Ablauf der Lagerzeit von 40 Jahren, einmal umkonditioniert (in der Heissen Zelle einer Konditionierungsanlage), so können enorme Freisetzungsgrade auftreten.


Im Gegensatz zum Reaktorbetrieb, wo der Innendruck der Brennstäbe den Kühlmitteldruck von ca 160 bar
teilweise kompensiert, besteht bei der Trockenlagerung ein Überdruck von 80 bis 90 bar im Innern des Hüllrohres. Dieser Druck ist temperaturabhängig. Bei zu hohen Temperaturen kommt es zur Kriechdehnung, bis hin zum Bruch. Was es bedeutet, wenn BE-Behälter umkippen, vom Kran rutschen oder ein Transport in einen Unfall verwickelt werden, wird ja getestet. Die Crash-Tests, die die Betreiber so gerne in ihren beschwichtigenden Werbefilmen vorführen, sollen demonstrieren, daß die Behälterwände extreme Belastungen aushalten. Nur: die Tests werden mit leeren CASTORbehältern durchgeführt, die Hüllrohre im Innern würden nämlich alle zu Bruch gehen.
Korrosionsmechanismen werden ausser acht gelassen: in der Fachliteratur ist nachzulesen, daß Wasser z.B. aus dem Abklingbecken durch Mikrorisse ins Innere der BE eindringen. Z.B. ist das Alkalimetall Rubidium, ein Folgeprodukt des Zerfalls von Kr-85, in Verbindung mit Wasser chemisch sehr aggressiv.


b.) Eine entscheidende Schwachstelle der CASTORbehälter liegt an anderer Stelle: trotz des ausgeklügelten Dekkelsystems ist damit zu rechnen, daß Undichtigkeit auftritt, und zwar im Normalbetrieb. Mit anderen Worten, wir brauchen nicht einmal die Unfallszenarien zu bemühen (was wäre, wenn der Deckel und nicht die Behälterwand aus Gußeisen auf einen Dorn stürzt ... ).


Die CASTORbehälter werden im Innern mit einer Nickelschicht gegen Korrosion versehen. Es ist fraglich, wie diese Nickelschicht auf dem Gußeisen haftet. Die Behälterdichtung nun ist auf dem Nickel, nicht auf dem Gußeisen aufgebracht. Wenn eine solche Nickelschicht im Behälterinnem bricht oder Risse bekommt, nützt die schönste Dichtung nichts, weil die radioaktiven Gase zwischen Gußeisen und Nickelbeschichtung unter der Dichtung nach aussen dringen können.


Prof. Elmar Schlich, einst Projektleiter der Nukem zur Entwicklung eines alternativen Brennelementbehältertyps ("TN 1300") hatte im Rahmen seiner Entwicklungsarbeiten aus diesem wahrscheinlich eintretenden Störfall, der im übrigen nicht einmal feststellbar ist(!), die Konsequenzen gezogen: aber seine Alternativentwicklung JN 1300" wurde ad acta gelegt, weil sie 50% teuerer wäre.Damit wäre eine neuer Stand von Technik definiert worden, der die Zwischenlagerplanungen in Ahaus und Gorleben über den Haufen geschmissen hätte. Prof. Schlich, der heute an der TU Aachen lehrt, gab zu bedenken: selbst bei einem simplen Dampfdrucktopf sitzt die Gummidichtung auch bei emaillierten Töpfen in einem Edelstahldeckel und nicht auf der Emaille drauf.
Am Ende muß der aufgeschweißte Deckel (Fügedeckel) mit einer Stärke von 30 nun die Dichtigkeit garantieren. Das kann er aber nicht.


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