Zum Thema: Kontaminationsskandal

Öko - Institut widerlegt Strahlenschutzkommission (SSK)

Potentielle Strahlenbelastung für Kinder am größten

Gesetzliche Grenzwerte weit überschritten.

Udo Jentzsch
Fachgruppe Radioakivität der BI Lüchow-Dannenberg
Tießauerstr. 27
29456 Tießau

 Zur Erinnerung

Im Frühjahr 1998 wurde bekannt, daß bei den Transporten von abgebrannten Brennelementen in die Wiederaufarbeitungsanlage von la Hague sowohl die Behälter als auch die Waggons mit feinstem radioaktiven Staub weit oberhalb der internationalen und gesetzlich festgelegten Grenzwerte bedeckt waren (Kontamination). Auch Waggons und leere Behälter, die von la Hague zu den Atomkraftwerken zur Aufnahme neuer abgebrannter Brennelemente rollten, waren radioaktiv verseucht. Die damalige Umweltministerin Merkel stoppte umgehend die Transporte. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit wurde damit beauftragt, anhand der noch vorhandenen Protokolle das Ausmaß des „Kontaminationsskandals" aufzuzeigen. Demnach wurden Grenzwertüberschreitungen bereits im Jahre 1981 festgestellt. Bei einem Waggon wurde eine Kontamination festgestellt, die den Grenzwert um ca. das 2000fache übertraf. Sowohl die Verantwortlichen der Atomwirtschaft als auch Verantwortliche von den zuständigen Bundes - und Landesbehörden zeigten sich völlig überrascht. Die Verantwortung für die gesundheitsgefährdenden Transporte sollte allein bei den Strahlenschutztechnikern gelegen haben, die - an Kontaminationen gewöhnt - ihre Meßdaten nicht an die Verantwortlichen gemeldet hätten. Doch diese Lüge hatte kurze Beine. Es wurde bekannt, daß die amerikanische Atomaufsichtsbehörde bereits 1985 alle Atomkraftbetreiber, Transporteure und Behälterhersteller von der Möglichkeit der grenzwertüberschreitenden Kontamination gewarnt hat. Bei der engen internationalen Zusammenarbeit konnte das weder den deutschen AKW - Betreibern noch den deutschen Behörden verborgen bleiben. 1989 wurden auf einer internationalen Konferenz die amerikanischen Untersuchungsergebnisse über das „weeping" - Phänomen, d.h. fest haftende Radioaktivität an der Oberfläche wandelt sich durch Temperatur- und Witterungseinfluß in radioaktiven Staub um, veröffentlicht. An dieser Konferenz nahmen auch die deutschen Fachleute von Industrie, Behörden und TÜV teil.

Es war kein Zufall, daß der Ursprung des Kontaminationsskandals nicht in Deutschland, sondern in Frankreich lag. Die deutsche Atomwirtschaft hatte mit den Genehmigungsbehörden, dem Bundesamt für Strahlenforschung und dem Bundesamt für Materialforschung unter Beteiligung des TÜV, die Prüfvorschrift zur Kontrolle der Behälter und Waggons so gestaltet, daß die radioaktive Verseuchung nicht entdeckt werden konnte. Demnach starteten Waggons und Behälter von deutschen AKW angeblich sauber und kamen in Frankreich verseucht an.

Die Strahlenschutzkommission (SSK), die für sich auf dem Fachgebiet die höchste Kompetenz in Deutschland beansprucht, legte umgehend ein Gutachten vor, in dem behauptet wird, daß trotz der erheblichen Grenzwertüberschreitung an Behältern und Waggons keinerlei Gesundheitsgefährdung gegeben sei. Gestützt auf dieses Gutachten lehnten Staatsanwaltschaften alle Anträge zur Strafverfolgung gegen die Verantwortlichen ab.

 

Ergebnisse unerwünscht - Gutachten verschwindet in der Schublade

Das Hessische Ministerium für Umwelt und Energie, Jugend, Familie und Gesundheit begnügte sich nicht mit dem Gutachten der SSK. Es erteilte dem Öko - Institut Darmstadt den Auftrag, ein Gutachten zu erstellen zu dem Thema „Potentielle Strahlenexposition für Bevölkerung und Begleitpersonal durch die Beförderung abgebrannter Brennelemente in äußerlich kontaminierten Behältern". Dieses Gutachten wurde im Juni 1999 fertiggestellt. Die neue Regierung unter Führung der CDU ließ das Gutachten in der Schublade verschwinden.

Die Wissenschaftler des Öko - Institutes geben folgende Erklärung für ihre von den bisher in der Öffentlichkeit verbreiteten abweichenden Ergebnisse:

 

In ihrer "Bewertung der Kontamination beim Transport abgebrannter Brennelemente", verabschiedet in der 154. Sitzung am 3.6.1998, kommt die Strahlenschutzkommission zur folgenden Schlußfolgerung:

"Die Strahlenschutzkommission stellt deshalb fest:

1. Die Kontaminationen, die bei diesen Transporten festgestellt wurden, verursachen keine Erhöhung der Strahlenbelastung für die Bevölkerung und damit auch keine Gesundheitsgefährdung.

2. Diese Kontaminationen stellen ebenso keine Erhöhung der Strahlenbelastung für das Begleitpersonal der Transporte dar, eine Gesundheitsgefährdung ist damit ausgeschlossen."

Die Bewertung der Strahlenschutzkommission weicht von der hier getroffenen Bewertung deutlich ab. Daher sollen die Ursachen, die offenbar zu diesen unterschiedlichen Bewertungen geführt haben, kurz dargestellt werden:

Die von der SSK errechnete maximale Dosis beträgt 0,5 mSv (Inhalation von 13.400 Bq Cäsium-137). Das von der SSK gewählte Szenario ist aber nicht abdeckend für die tatsächlich detektierten Partikel.

Eine Hautkontamination wird von der SSK nicht diskutiert. Ein Grund für dieses Vorgehen wird in der Empfehlung nicht genannt.

o Eine Inkorporation von Aktivität wurde von der SSK "praktisch ausgeschlossen". Offenbar schließt die SSK dies aus folgenden Feststellungen: "Die kontaminierten Oberflächen waren während des Transports nicht zugänglich. An den Außenflächen der Schutzhauben und außen am Waggon wurden keine unzulässigen Kontaminationen festgestellt."

Insgesamt ist daher festzustellen, daß die SSK viele hier als relevant erkannte Sachverhalte, deren Berücksichtigung in den Szenarien zu erheblichen potentiellen Strahlenexpositionen sowohl bei Beschäftigten wie auch bei Personen der allgemeinen Bevölkerung führen können, nicht beachtet hat.

Die wichtigsten Bewertungen des Öko - Institutes

Bewertung der potentiellen Strahlenexposition nicht beruflich strahlenexponierter Personen (insbesondere bei der Bahn)

· Eine Effektive Äquivalentdosis von 10 mSv wird im Szenario mit Verschlucken des Referenzpartikels um etwa das 60fache überschritten. Dies zeigt, daß die potentielle Strahlenexposition nicht geringfügig im Sinne des 10 mSv - Konzepts ist.

· Der Grenzwert der Effektiven Äquivalentdosis nach § 45 StrlSchV wird im Szenario Verschlucken des Referenzpartikels um etwa einen Faktor 2 überschritten. Die Dosis ist also höher, als sie für Personen außerhalb der Strahlenschutzbereiche kerntechnischer Anlagen sein darf.

· Der Grenzwert der Hautdosis nach § 45 StrlSchV wird nach Hautkontakt über 4 Stunden bereits um den Faktor 170 überschritten, bei Hautkontakt über einen Tag um etwa 1000. Dies zeigt, daß auch Partikel mit 0,1% der Aktivität des Referenzpartikels bei Kontamination der Haut bereits zu Strahlenexpositionen führen können, die den Grenzwert für die Haut nach § 45 StrlSchV überschreiten.

· Der Grenzwert des § 45 StrlSchV für die Lungendosis wird in den untersuchten Szenarien nicht überschritten.

· Der Grenzwert der Effektiven Äquivalentdosis nach Artikel 13 der Richtlinie 96/29/Euratom wird in keinem der Szenarien überschritten.

· Bei den Szenarien mit Hautkontamination wird der Grenzwert nach Artikel 13 der Richtlinie 96/29/Euratom um etwa einen Faktor 6 (Entfernung von der Haut nach 4 Stunden) bis 37 (Entfernung von der Haut nach einem Tag) überschritten.

Insgesamt ergibt sich daher, daß für die Gruppe der Beschäftigten insbesondere bei der Bahn, die nicht beruflich strahlenexponierte Personen sind, Überschreitungen von Grenzwerten des § 45 StrlSchV und auch der Richtlinie 96/29/Euratom um bis zu einem Faktor 37 möglich sind. Die größten potentiellen Strahlenexpositionen ergeben sich bei Hautkontakten mit radioaktiven Partikeln. Es wurde in den Szenarien von einem Hautkontakt von bis zu einem Tag ausgegangen. Je nachdem, wann insbesondere durch Körperpflege, die Kontamination beseitigt wird, kann die Strahlung auch länger einwirken. Pro Tag Verzögerung bis zur Reinigung kommt es zu einer zusätzlichen Hautdosis von 1835 mSv, was dem 37fachen des Grenzwerts der Richtlinie 96/29/Euratom entspricht.

 

Bewertung der potentiellen Strahlenexposition erwachsener Personen der allgemeinen Bevölkerung

Bedingt durch die Auswahl der Szenarien ergeben sich für erwachsene Personen der allgemeinen Bevölkerung die gleichen potentiellen Strahlenexpositionen wie für die Beschäftigten der Bahn.

Bewertung der potentiellen Strahlenexposition von Kleinkindern der allgemeinen Bevölkerung

* Eine Effektive Äquivalentdosis von 10 mSv wird im Ingestionszenario um etwa das 670fache überschritten. Die potentiellen Strahlenexpositionen sind deutlich höher als bei erwachsenen Personen. Die potentiellen Strahlenexpositionen sind demnach nicht geringfügig im Sinne des 10 mSv -Konzepts.

* Der Grenzwert der Effektiven Äquivalentdosis nach § 45 StrlSchV wird im Ingestionsszenario etwa um den Faktor 22 überschritten. Die ermittelten potentiellen Dosen sind also höher, als sie für Personen außerhalb der Strahlenschutzbereiche kerntechnischer Anlagen zugelassen sind.

* Die Hautdosis beim Kleinkind ist die gleiche wie bei Erwachsenen. Die Grenzwerte der Hautdosis nach § 45 StrlSchV sind beim Anhaften des Partikels über 4 Stunden etwa um den Faktor 170 überschritten und im Szenario mit Anhaften des Partikels über 1 Tag etwa um den Faktor 1000.

* Der Grenzwert des § 45 StrlSchV für die Lungendosis wird nicht überschritten.

* Der Grenzwert für die Dosis des roten Knochenmarks nach § 45 StrlSchV wird beim Ingestionsszenario etwa um den Faktor 29 überschritten.

Der Grenzwert der Effektiven Äquivalentdosis nach Artikel 13 der Richtlinie 96/29/Euratom wird im Ingestionsszenario etwa um den Faktor 6,8 überschritten.

Bei den Szenarien mit Hautkontamination wird der Grenzwert nach Artikel 13 der Richtlinie 96/29/Euratom um etwa einen Faktor 6 (Entfernung von der Haut nach 4 Stunden) bis 37 (Entfernung von der Haut nach einem Tag) überschritten.

Insgesamt ergibt sich daher, daß die untersuchte Personengruppe der Kleinkinder den größten Expositionen ausgesetzt sein kann. Gegenüber Erwachsenen ergeben sich höhere Dosen bei Inhalation und Ingestion. Wie bereits bei den erwachsenen Personen ausgeführt, stellt die Entfernung des radioaktiven Partikels von der Haut nach einem Tag keine konservative Randbedingung dar, so daß auch höhere Expositionen der Haut prinzipiell möglich sind.

Fazit

Von 1981 bis 1998 wurde die Gesundheitsgefährdung durch Radioaktivität, die bis zur fahrlässigen Tötung reicht, von den Verantwortlichen der Atomwirtschaft bewußt in Kauf genommen. Diese Straftaten werden bis zum heutigen Tag nicht verfolgt. Behörden, TÜV und wissenschaftliche Institutionen leisteten aktive Beihilfe, diese Straftaten zu vertuschen und zu verharmlosen. Wir erleben, wie die Atomwirtschaft die Bundesregierung unter Druck setzt, die Transporte wieder aufzunehmen, ohne daß die Ursachen und Begleitumstände der radioaktiven Verseuchung der Transportbehälter geklärt sind. Dem Bundesamt für Strahlenschutz liegen bereits etliche Anträge für Transporte nach la Hague vor. Offensichtlich soll sich die Bevölkerung an die „Kolateralschäden", die die Atomwirtschaft erzeugt, als unvermeidbare Gegebenheit gewöhnen.

Bearbeitet am: /ad


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