WAA in Sellafield kann die Schutzvorschriften gemäß deutschem Atomgesetz nicht einhalten

Strahlende Tauben an der Irischen See - das "Aus" für deutsche Atommüllexporte?

Nicht nur die ins Gerede gekommenen kontaminierten CASTOR-Behälter dürften der deutschen Atomindustrie Kopfschmerzen bereiten - hinter den Kulissen brodelt ein noch viel heikleres Problemfeld: Die britische Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield, die neben dem französischen Cap de la Hague den deutschen Atomschrott "entsorgen" und in den atomaren Kreislauf zurückführen soll, könnte aus dem Katalog des "Entsorgungsvorsorgenachweis" entfallen. Denn nach dem deutschen Atomgesetz müssen auch ausländische Anlagen mindestens dem sicherheitstechnischen Standard entsprechen, dem auch inländische WAAs zu genügen haben. Und das ist beim britischen Sellafield-Komplex nicht gegeben, wie am Freitag vergangener Woche (12. 6. 96) der Bremer Atomphysiker und Leiter der dortigen Landesmeßstelle für Radioaktivität, Gerald Kirchner, auf einer Veranstaltung im wendländischen Waddeweitz (Lüchow-Dannenberg) erläuterte. 

Kirchner berichtete vor gut 100 Atomkraftgegnern von den Radioaktivitätsmessungen an Tauben aus Sellafield, die sein Institut im Auftrag von Greenpeace vorgenommen hatte. Wie bereits im Mai in der Presse berichtet, waren diese Tauben so stark verstrahlt, daß sie eigentlich als radioaktiver Sondermüll hätten beseitigt werden müssen. Ein "fast vollständiger Zoo an radioaktiven Substanzen", die üblicherweise in einer Wiederaufbereitungsanlage zu finden seien, sei am Gefieder des Federviehs nachzuweisen gewesen, in einer Konzentration, die pro Taube fast 300.000 Bq/Kg erreichte, so informierte Gerald Kirchner.

 Doch nicht nur die massive Strahlung, die auch in ähnlicher Größenordnung von anderen Instituten bei Vergleichsmessungen festgestellt wurde, ist allein erschreckend, sondern vor allem die Tatsache, daß in Bremen auch verschiedene kurzlebige Isotope mit Halbwertszeiten unter einem Jahr gefunden wurden, ist als sensationell zu werten. Denn daraus ist abzuleiten, daß die Vögel nicht etwa durch radioaktive "Altlasten" längst stillgelegter Anlagenteile in Sellafield verseucht worden sind, sondern daß erst in jüngster Zeit freigewordene Substanzen das Gefieder so massiv zum Strahlen gebracht haben muß. "Offensichtlich", so Gerald Kirchner, "gibt es bei den heutigen Anlagen Stellen, in denen sich hohe Konzentrationen an Radioaktivität ansammeln können". Auch die erst im Jahre 1992 in Betrieb gegangenen Anlagen in Sellafield sind anscheinend nicht in der Lage, radioaktive Emissionen zu verhindern. Und genau das ist die Voraussetzung, daß deutscher Atommüll dort bearbeitet werden darf. Anlagen im Ausland, die nicht dem deutschen Sicherheitsstandard entsprechen, dürfen den deutschen Atommüll auch nicht aufarbeiten - da helfen auch die immer wieder beschworenen "Völkerrechtlichen Verträge" nichts. Transporte von abgebrannten Brennstäben nach, die Wiederaufarbeitung in und der Rücktransport von Sellafield nach Deutschland sind demnach nicht zulässig. "Das ganze ist kein britisches, sondern tatsächlich ein deutsches Problem", meint der Bremer Atomphysiker. 

Taubendreck und Gartenerde abgetragen 

Herausgekommen ist der ganze Skandal nur durch einen dummen Zufall. Zwei alte Damen in Sellafield, die sich bereits seit längeren Jahren mit dem Federvieh angefreundet hatten, und in ihrem Garten, direkt vis à vis der WAA an der Irischen See täglich einige Hundert Tauben fütterten, hatten ihren Nachbarn letztlich so verärgert, daß er zur Selbsthilfe, sprich zum Luftgewehr gegriffen hatte, um einige der lästigen Vögel abzuschießen. Das wiederum rief Tierschützer auf den Plan, die die alten Damen gegen den rüden Nachbarn unterstützen wollten. Dabei muß wohl einem er Tierfreunde angesichts der Sellafield-Anlagen wohl mulmig geworden, und die Idee gekommen sein, mal testen zu lassen, ob die

Vögel nicht etwa auch von Strahlung beeinträchtigt worden sein könnten. Tatsächlich ließ sich erhöhte Aktivität nachweisen, was den Betreibern der Atomanlage und auch der britischen Atomaufsicht, dem Landwirtschaftsministerium mitgeteilt wurde.

Darauf brach hektische Aktivität in Sellafield aus. Die Tauben, zwischen . 150 und 750 Tiere, die sich in und um dem Garten der alten Damen tummelten, wurden getötet, die Gartenerde abgetragen und die Bevölkerung vor den Tauben und deren Kot gewarnt. Greenpeace, deren britische Aktivisten aus der örtlichen Presse von dem Vorgang erfuhren, hatte darauf zwei der gefiederten Exemplare mit der Bitte um Untersuchung in das Bremer Labor schicken lassen. "Wir dachten nach dem Anruf, jetzt sind die endgültig 'durchgeknallt'", so erinnert sich Gerald Kirchner lachend an den telefonischen Greenpeace-Auftrag, aber als er und seine Mitarbeiter die ersten groben Eingangsmessungen durchführten, um die Größenordnung der Aktivität abschätzen zu können, seien sie doch schnell sehr blaß geworden: der Zeiger des nicht sonderlich empfindlichen Instrument schlug bis zum Anschlag aus. 

Genauere Messungen ergaben, daß sich etwa 95 % der Gesamtaktivität im Gefieder der Vögel festgesetzt hatten, Fleisch und innere Organe waren deutlich weniger verstrahlt. Gefunden wurden bei diesen zwei Tieren hohe Konzentrationen langlebiger Isotope, jeweils auf das Kilogramm umgerechnet, 246.000 Bq. Cäsium 137, 26.000 Bq. Plutonium 239 und 18.500 Bq. Americium 241. Geringere, aber doch deutliche Mengen kurzlebiger Isotope, also solcher mit Halbwertszeiten von unter einem Jahr, sind als weitere Sensation anzusehen. So wurden Rhutenium 106 (Halbwertszeit 372 Tage), Europium 154 (Halbwertszeit 3146 Tage) und Cer 144 (Halbwertszeit 284 Tage) gefunden. Diese Messungen wurden auch von wissenschaftlichen Kollegeninstituten, die etliche weitere der verseuchten Tauben untersucht hatten, bestätigt, allerdings haben diese jeweils nur die langlebigen Isotope gemessen. 

"Altlasten" als Strahlenquelle auszuschließen

 Schnell nach Bekanntwerden der Verseuchung bemühten sich die Betreiber von Sellafield, den Tauben die "Schuld" zu geben. Es sei nicht auszuschließen, daß sich die Tiere in stillgelegten Gebäuden Zugang durch kleine Schlupflöcher verschafft und sich dort kontaminiert hätten. Tatsächlich gleicht der Geländekomplex von Sellafield eher einer atomaren Müllkippe, denn einer auf Abschirmung und Sicherheit vor radioaktiven Emissionen angelegten Anlage. Alte, stillgelegte und stark verseuchte Gebäude ständen bunt gemischt mit "Neu"-Anlagenteilen zwischen offenen Abklingbecken unter freiem Himmel. Nicht nur die jetzige WAA ist auf dem etwa zwei mal zwei Kilometer großen Gelände untergebracht, sondern auch noch zwei kleinere Atomkraftwerke, die ursprünglich mal für die militärische Plutonium-Produktion eingesetzt wurden, sind noch in Betrieb. Und auch noch die Reste der Anlagen, die beim schlimmsten europäischen GAU vor Tschernobyl zerstört wurden, strahlen noch vor sich hin.

Wie? Von einem GAU in Sellafield ist Ihnen nichts bekannt? Das kann gut sein. Denn früher hatte die Anlage schließlich einen anderen Namen. In Erinnerung ist vielleicht das "Windscale-Feuer" , das im Jahre 1957 weite Teile Europas mit Jod 131 verseuchte...

 Scheint es schon unwahrscheinlich, daß die Tauben sich gerade in solche "Altanlagen" verkriechen, um ihr Gefieder zu verseuchen - schließlich sind nicht nur Einzelexemplare mit hohen Aktivitätsdosen gemessen worden, sondern es waren einige hundert der Vögel - beweist doch gerade die Tatsache, daß auch kurzlebige Isotope in Bremen festgestellt wurden, daß dieser Erklärungsversuch der Sellafield-Betreiber absolut nicht stimmig sein kann.

 Irische See als radioaktive Müllkippe 

Zwar wäre es denkbar, daß hier und dort mal eine Taube tatsächlich in eine der verseuchten "Altanlagen" hineingelangen könnte, aber nicht in einer solchen Menge. Was könnte das Gefieder sonst so stark verstrahlt haben? Denkbar wäre, daß die Vögel in den offenen Abklingbecken ihr tägliches Bad nehmen. Doch sind die Kühlkreislauf dieser Becken mittlerweile Filteranlagen nachgerüstet worden, und wegen der häufigen Störungen der WAA verbleiben die aufzuarbeitenden Brennelemente doch so lange in diesen Becken, daß die gefundenen kurzlebigen Isotope bereits zerfallen sein müßten. Auch die Vermutung, daß eventuell aus dem Abluftkaminen gelangende strahlende Gase ursächlich wären, scheint unwahrscheinlich: so häufig werden sich die Tauben wohl kaum in unmittelbarer Nähe der Kaminöffnungen in 150 m Höhe aufhalten, daß gerade das Gefieder verseucht wird.

Wahrscheinlich, so Gerald Kirchner, ist hingegen, daß die ungefiltert in die irische See abgelassenen Abwässer des Wiederaufbearbeitungsprozesses als Strahlenquelle in Frage kommen. Aufstaubende Gischt wird durch den Seewind in den Uferbereich getrieben, und fällt dort nieder. Und auch eine "Springtide" bei Hochwasser könnte das verseuchte Meerwasser in Felsnischen und Strandvertiefungen spülen, wo sich durch Verdunstung dann hohe radioaktive Konzentrationen ergeben. Und wenn die Tauben auf der Suche nach Futter und dem Drang zur Gefiederwäsche in diesen strahlenden "Swimmingpools" baden, ist es leicht vorstellbar, woher die Aktivität stammt.

Bekanntgeworden ist mittlerweile, daß sich allein in den Sedimenten am Boden der Irischen See im Laufe der Zeit 500 bis 750 kg Plutonium verteilt haben - daher sind die Sellafield-Betreiber BNFL bereit gewesen, ihre Atomanlagen für mehr als vier Milliarden Pfund "nachzurüsten".

Doch diese Geldbeträge waren nicht ausreichend. Denn, wie die Tauben beweisen, wird immer noch jede Menge Radioaktivität ins Freie entsorgt. Sellafield kann trotz der Milliardeninvestitionen eine emissionsfreie Wiederaufarbeitung nicht gewährleisten - wie übrigens die baugleichen Anlagen im französischen Cap de la Hague gleichfalls nicht.

Jeder Transport von abgebrannten deutschen Brennelementen zur Wiederaufbereitung nach England oder Frankreich, so das Resümee von Gerald Kirchner, ist also wegen des Verstoßes gegen Strahlenschutzbestimmungen gemäß deutschen Vorgaben illegal, die Transporte gemäß Atomgesetz nicht mehr zulässig.

 Dieter Metk

Weitere Links zum Thema:

Der Atomstandort Windscale/Sellafield
http://www.greenpeace.de/GP_DOK_3P/HINTERGR/C02HI19.HTM

Atomare Wiederaufarbeitung
http://www.greenpeace.de/GP_SYSTEM/P6AVSZ14.HTM

Radioaktive Tauben in Sellafield:
Neue Erkenntnisse und ihre Auswirkungen
http://www.greenpeace.de/GP_DOK_3P/STU_LANG/C02ST02.HT

Vortrag von Bremer Physiker Dr. Kirchner zu Atommüllbehälter-Skandal und
"strahlenden Tauben"

Bearbeitet am: 18.06.1998/ad


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