Dokumentation einer Zusammenfassung über Neutreonenstrahlung von Greenpeace


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Neutronenstrahlung - die unterschätzten Gefahren

Einleitung

Der Marburger Nuklearmediziner Prof. Dr. Horst Kuni sorgte 1995 mit neuen Erkenntnissen-für Aufsehen: Die Neutronenstrahlung bei Castor-Transporten, so hatte der Wissenschaftler errechnet, wird mindestens um den Faktor 30 unterschätzt. Für Transporte abgebrannter Brennelemente in Castor Behältern bedeutet das: Die Strahlenbelastung für Begleitpersonal und PolizistInnen überschreitet die erlaubten Grenzwerte. Auch AnwohnerInnen der Transportstrecken und andere Personen, die sich zufällig in der Nähe aufhalten, müssen mit einem erheblichen Strahlenrisiko rechnen.

Welche Strahlungsarten gibt es

Radioaktivität kann in zwei verschiedenen Formen auftreten: als elektromagnetische und als Teilchenstrahlung. Zur elektromagnetischen Strahlung gehören Gamma- und Röntgenstrahlen. Mit ihrer sehr hohen Reichweite können sie menschliches Gewebe durchdringen. Sie wirken von außen auf den Körper.

Zur Teilchenstrahlung zählen Alpha-, Beta- und Neutronenstrahlen. Alphastrahlen sind positiv geladene Teilchen (Heliumatomkerne). Sie wirken im Inneren des Körpers durch Einatmen radioaktiver Stoffe oder deren Aufnahme mit der Nahrung.

Betastrahlen bestehen aus negativ geladenen Teilchen (Elektronen) und sind biologisch ebenfalls im Körper am schädlichsten. Betastrahlen werden meist zusammen mit Gammastrahlen von fast allen radioaktiven Stoffen ausgesandt, die bei der Atomspaltung entstehen.

Neutronenstrahlen bestehen aus elektrisch neutralen Teilchen (Neutronen). Sie wirken wie Gamma- und Röntgenstrahlen von außen auf Menschen. Neutronenstrahlen werden nur von wenigen radioaktiven Stoffen abgegeben, zum Beispiel von bestrahlten Kernbrennstoffen.

Strahlenbelastungen, die von intakten Transportbehältern ausgehen, werden demzufolge von Gamma- und Neutronenstrahlen verursacht. Beta- und Alphastrahlen tragen dagegen erst zur Strahlenbelastung bei, wenn ein Transportbehälter undicht wird und radioaktive Stoffe entweichen.

Physikalische und medizinische Dosis

Das Problem rnit der medizinischen Dosis der radioaktiven Strahlung - angegeben in Sievert (Sv) - besteht darin, daß man sie nicht messen kann. Messen kann man lediglich die im Gewebe absorbierte Energie. Dafür venvendet man die Einheit Gray.

Vergleichbare Dosen rufen vergleichbare Schäden hervor. Die verschiedenen Strahlungsarten wirken jedoch biologisch ganz unterschiedlich, je nach: Energiestärke, strahlendem Material, Gewebeart, bestrahltem Lebewesen Strahlungsdauer, Intensität der Einstrahlung usw.

Erschwerend kommt hinzu, daß für die biologische Wirksamkeit nicht einfach eine Maßzahl angegeben werden kann. Schäden in der zweiten oder dritten Generation beispielsweise lasssen sich auf diese Weise nicht erfassen.

Die Dosisleistung gibt an, welche Dosis ein Mensch in innerhalb einer bestimmten Zeit abbekommt. Sie wird meist in Gray oder Sievert pro Stunde (Gy/h bzw. Sv/h) angegeben.

Schäden beim Menschen

Über Strahlenschäden bei Menschen gibt es nur sehr wenig Datenmaterial. Man stützt sich hier vor allem auf Untersuchungen an Überlebenden der Atombomben von Hiroshi ma und Nagasaki. Die vorherrschende Strahlenart war dort jedoch hochenergetische Gammastrahlung, die zudem über einen relativ kurzen Zeitraum bei hoher Dosisleistung erfolgte. Bei der zivilen Anwendung der Atomenergie werden Gesundheitsschäden dagegen meistens durch langanhaltende Niedrigstrahlung hervorgerufen.

Für die Bewertung anderer Strahlungsarten als Gammastrahlung, also z.B. Neutronenstrahlung, muß man sich weitgehend auf Tierversuche stützen. Diese sind nur sehr eingeschränkt auf Menschen übertragbar.

Radioaktive Stoffe im Körper

Ein anderes Thema, das nicht unerwähnt bleiben sollte auch wenn es im Zusammenhang mit Neutronenstrahlen aus Castor-Transportbehältern keine Rolle spielt, sind die Folgen von inkorporierten (eingeatmeten oder mit der Nahrung aufgenommenen) radioaktiven Substanzen.

Sie werden vom Körper oft für harmlose oder gar notwendige Stoffe gehalten und dementsprechend aufgenomme: (z.B. Strontium als Ersatz für Kalzium in den Knochen und verstrahlen über Jahre das umliegende Körpergewebe. Es liegt auf der Hand, daß mögliche Folgen für die Ge- sundheit des betroffenen Menschen oder seiner Nachkommen nur sehr schwer abzuschätzen sind.

Bisherige Vorgehensweise

Um für verschieden wirksame Strahlenarten einheitlich Grenzwerte im Strahlenschutz anwenden zu können hat man sich international darauf geeinigt, verschieder Strahlungsformen mit Qualitätsfaktoren zu belegen.

Mutiplizien mit der absorbierten Energie ergibt sich daraus die Äquivalentdosis (Gleichwertigkeitsdosis). Im deutschen Strahlenschutz sind folgende Qualitätsfaktoren aufgeführt:

 
Strahlungsart   Qualitätsfaktor  
 
Röntgenstrahlung   1  
Gammastrahlung   1  
Betastrahlung   1  
Alphastrahlung   20  
Neutronenstrahlung   10  

Qualitätsfaktoren nach Strahlenschutzverordnung

Die Röntgenstrahlung mit dem Qualitätsfaktor 1 dient als Bezugsgröße für die anderen Strahlungsarten.

EU-Richtlinie in Deutschland nicht umgesetzt

Bereits seit 1991 empfiehlt die Internationale Strahlenschutzbehörde (ICRP) für Neutronen einen Qualitätsfaktor von 20 statt 10. Dies hat sich mittlerweile in einer entsprechenden EU-Richtlinie niedergeschlagen, die jedoch in Deutschland bislang nicht umgesetzt worden ist. Bei uns wird die Strahlung weiter nach den alten Maßstäben bewertet.

Prof. Horst Kuni: Neutronen-Qualitätsfaktor von 300