Mail vom 27.04.2009

Endlager Gorleben –

Geburtsfehler 1977 und politische Weisung 1983 führen in die Sackgasse

Die Standortwahl Gorlebens als nukleares Endlager im März 1977 wirft Fragen über Fragen auf. Dass diese Wahl politisch motiviert war und nichts mit den vermuteten Qualitäten des Salzstocks Gorleben zu tun hatte, dass es um einen Standort für ein "Nukleares Entsorgungszentrum", also den Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage, einer Brennelementefabrik sowie ober- und unterirdischer Atommülldeponien ging, weiß jeder. Das war der Geburtsfehler Gorlebens als prospektives Endlager für hochradioaktive Abfälle. Nur: an die Akten, die wir in der Staatskanzlei in Hannover vermuten, kommen wir nicht heran. Es wundert uns nicht, dass das so ist, denn könnten wir den Nachweis führen können, dass es sachfremde Kriterien gab, die zur Standortwahl unter dem CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht führten – dünnbesiedelt, konservative Wählerschaft, von drei Seiten die DDR-Grenze, also leicht absperrbar etc. - , dann wäre Gorleben als Endlagerstandort erledigt.

Noch einmal, im Jahr 1983, nachdem die Tiefbohrungen zur Erkundung des Salzstocks abgeschlossen waren und ausgewertet wurden, gab es eine vergleichbare politische Intervention. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), die Vorläuferbehörde des heutigen Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), wollte von sich aus vorschlagen, wegen der Unwägbarkeiten und Zweifel an der Eignung des Salzstocks Gorleben zumindest einen weiteren Standort untersuchen zu lassen, das würde auch die Akzeptanz befördern. Der ehemalige Abteilungsleiter der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB), Professor Helmut Röthemeyer, erklärte im Interview mit der Berliner Tageszeitung, warum nach Auswertung der Tiefbohrergebnisse die Vorläuferbehörde des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) Mitte der 80er Jahre auf Distanz zum Salzstock Gorleben ging. Die Tiefbohrungen hätten nicht das erhoffte Ergebnis gebracht. Röthemeyer und seine Kollegen mussten in ihrem Gutachten feststellen, dass das von einer eiszeitlichen Rinne durchzogene Gestein über dem Salzstock nicht in der Lage ist, "Kontaminationen auf Dauer von der Biosphäre zurückzuhalten".

Zu einem Treffen mit den Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, auf dem der Sachverhalt und die Empfehlung, die Standortsuche zu erweitern, besprochen werden sollten, erschienen unerwartet aber auch Vertreter des Bundeskanzleramtes und der Bonner Ministerien für Forschung und Technologie und des Inneren – ein Bundesumweltministerium existierte vor dem Reaktorbrand in Tschernobyl nicht. Die Ministeriumsvertreter forderten die PTB zur Änderung ihres Gutachtens auf. "Es gab nichts Schriftliches, keine schriftliche Weisung, aber wir mussten das Gespräch klar als Weisung auffassen", gab Röthemeyer, der inzwischen pensioniert ist, zu Protokoll.

Am 20. Juni 1984 fand eine öffentliche Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages zum "Bericht der Bundesregierung zur Entsorgung der Kernkraftwerke und anderer kerntechnischer Anlagen" statt. Fünf von den 9 Gutachtern sprachen sich für den Abbruch der Erkundung in Gorleben aus. Schließlich hatte Prof. Helmut Röthemeyer im Juli 1985 gegenüber der Presse erstmals von einem Maulkorb gesprochen, der gegen die PTB verhängt wurde (FR 25.7.85 "Maulkorb für kritische Äußerungen über Gorleben"). Das Abteufen der Endlagerschächte, für uns gleichbedeutend mit dem Ende der Erkundung und dem Beginn des Baus eines Endlagers in Gorleben, begann allen Warnungen zum Trotz am 17.03.1986.

Zweimal schon haben wir das BfS in jüngster Zeit aufgefordert, uns die ursprüngliche Stellungnahme der PTB auszuhändigen bzw. Akten einsehen zu können – im Sommer 2008 und im Frühjahr 2009. Die sachfremden Kriterien für die Standortwahl 1977 gepaart mit dieser falschen Weichenstellung Mitte der 80er Jahre führen in der nuklearen Entsorgung in die nächste Sackgasse – Asse II lässt grüßen. Einmal wurden wir vom BfS hingehalten, wegen der Asse II gäbe es Wichtigeres zu tun, als nach den Unterlagen zu forschen. Das zweite Mal bekamen wir auf unser Anschreiben nicht einmal eine Antwort. Karl-Friedrich Kassel schreibt hingegen im Wendland-Net :

Politische Weisung für Gorleben - ein Kommentar

Die Aufregung ist groß. Als neuen historischen Skandal verkaufen TAZ und BI die Äußerungen von Prof. Helmut Röthemeyer, früher Physikalisch-technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig, gegenüber der „tageszeitung“. Kurt Herzog (Linke) fordert unverzügliche Aufklärung, Martina Lammers (Grüne) will Röthemeyer vor den Atomausschuss des Landkreises holen.

Es hagelt Presseerklärungen. Niemanden stört es offenbar, dass dieser jetzt angeblich so wichtige Skandal von denselben Leuten bisher ignoriert wurde. Frühere Veröffentlichungen, nach 2000 zuletzt im August 2008 in der EJZ, hat offenbar niemand gelesen.

Es ist immer schön, wenn sich das Richtige auch historisch durchsetzt. Deshalb: nichts gegen eine nochmalige Veröffentlichung und- endlich stattfindende - Reaktion darauf. Aber aus mehreren Gründen ist dieser Vorgang bemerkens- und bedenkenswert…

http://www.wendland-net.de/index.php/artikel/20090421/politische-weisung-f-r-gorleben-ein-kommentar

Der Journalist betont, dass er selbst schon auf die politische Überregelung der Fachbehörde in der Elbe-Jeetzel-Zeitung wie auch in den "Umweltbriefen" hingewiesen hat. Bemerkenswert ist sein Satz: "Es ist immer schön, wenn sich das Richtige auch historisch durchsetzt". Bemerkens- und bedenkenswert ist nämlich in der Tat, dass sich das Richtige in der Asse II erst durchgesetzt hat, als der Laugenzufluss nicht mehr zu stoppen war und klar wurde, diese Atommülldeponie säuft ab. Warnungen, Gegenexpertisen zur behördenoffiziell behaupteten Eignung der Asse II gab es seit den 70er Jahren.

Karl-Friedrich Kassel liegt im Übrigen auch nicht die Erstfassung des PTB-Berichts vor, in dem das Abrücken von Gorleben deutlich markiert sein soll, er präsentiert in seinem Beitrag leider nur eine Zweitfassung, in der bereits die gravierendsten Einwände getilgt waren und bereits von der Eignungshöffigkeit des Salzstocks schwadroniert wird.

In Gorleben hat sich das Richtige noch lange nicht durchgesetzt und als "neuen historischen Skandal" verkauft die Bürgerinitiative Umweltschutz die Äußerungen Prof. Röthemeyers nicht. Wie ein roter Faden zieht sich allerdings der wiederholte Hinweis auf den Geburtsfehler Gorlebens und die politisch erzwungene Weichenstellung, die zum Baubeginn 1986 führten, durch unsere Stellungnahmen. Solange, das versprechen wir, bis sich auch in Gorleben das Richtige durchsetzt.

Wolfgang Ehmke

Bearbeitet am: 27.04.2009/ad


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