Mail vom 30.11.2005

Leserbrief zu "Antiquierter Widerstand" (ZEIT Nr. 48/2005 Seite 39)

Die Protestformen der Atomkraftgegner im Wendland stuft Hans Schuh als "altertümliche Posse" ein von Menschen, die "stets nein gesagt [haben] und .. auch weiter nein sagen [werden]". Ist ihm entgangen, dass die Menschen im Wendland gute Gründe für ihren Protest haben?

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat in den in den letzten Wochen veröffentlichten Gutachten und Stellungnahmen festgestellt, dass zwar Salz gegenüber anderen Gesteinsformationen keine besonderen Vorteile birgt. Dies gilt jedoch nur, wenn über dem Salzstock ein wasserundurchlässiges Deckgebirge vorhanden ist. Gerade dieses Deckgebirge fehlt aber in Gorleben, wie das Bundesumweltministerium im September bekannt gab. Der Widerstand gegen die Atommülltransporte richtet sich somit gegen eine politisch bedingte Vorfestlegung auf Gorleben als Endlagerstandort, die aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig nicht haltbar ist.

Die Protestaktionen bestehen nicht nur aus "Blockieren, Anketten, Lossägen, Wegtragen". Auch ganz "normale" Demonstrationen wie am 5. November in Lüneburg gehören dazu. Und mit einer St.-Leonhards-Prozession zu Pferde machten die Menschen im Wendland deutlich, dass sie sich den öffentlichen Raum trotz flächendeckender Versammlungsverbote nicht nehmen lassen.

Wer diese Protestformen als "antiquitiert" bezeichnet, stuft damit praktisch jeden öffentlichen Protest, bei dem sich Menschen friedlich unter freiem Himmel versammeln, zu einer "altertümlichen Posse" herab.

Zur Rechtfertigung der Atomenergie und Diskreditierung eines Ausstiegs aus der Atomenergie muss bei Hans Schuh die "globalisierte Wirtschaft" herhalten. Ist ihm entgangen, dass trotz der damit verbundenen Wettbewerbsnachteile deutscher Firmen die großen vier Energiekonzerne ihre Preise massiv erhöht haben und die deutschen Strompreise zu den höchsten in Europa zählen? Große Kraftwerke mit hohen Investitionskosten erfordern monopolistische, abgeschottete Energiemärkte, in denen die Investition über entsprechende Preise wieder erwirtschaftet werden kann.
Mit einem Ausstieg aus der Atomenergie und dem daraus folgenden Umbau des Energiemarkts zu einem weniger oligopolistisch geprägten Markt mit vielen unabhängigen Energieerzeugern und -anbietern regenerativer Energieformen besteht die Chance auf stabile Energiepreise. Auch Uran ist ein endlicher Rohstoff mit vorprogrammierten Preissteigerungen, wogegen Sonne, Wind und Erdwärme frei verfügbar bleiben werden.

Antiquitiert sind nicht die Proteste gegen die CASTOR-Transporte. Antiquitiert ist eine Form der Energieerzeugung, die zwei Drittel der Energie im Brennstoff verschwendet und der Nachwelt ein Millionen Jahre strahlendes Erbe hinterlässt, für das es weltweit nie ein sicheres Endlager geben wird.

Eric Tschöp, Freiburg

Bearbeitet am: 30.11.2005/ad


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