Süddeutsche Zeitung

vom 12.02.199

Jahr-2000-Proplem in AKWs

Kernkraftwerke zählen zu den sensibelsten Unbekannten, wenn es darum geht, Computer auf den Datumswechsel am 1. Januar 2000 einzustellen. In dieser Woche trafen sich Computer- und Atomexperten aus aller Welt im kanadischen Ottawa
um Risiken und mögliche Lösungswege zu diskutieren. Die deutschen Kraftwerksbetreiber geben sich zuversichtlich, daß sie die Probleme in den Griff bekommen.

Im Kernkraftwerk droht der Computer-GAU

Auch Rechner in Reaktoren sind unzureichend auf die Jahrtausendwende vorbereitet

Von Patrick Illinger
Kaum ein Atomexperte rechnet ernsthaft damit, daß Kernkraftwerke in aller Welt am 1. Januar 2000 außer Kontrolle geraten und ihren tödlich strahlenden Brennstoff in die Umwelt speien - nur wegen eines Computerfehlers. Und doch: In Kernkraftwerken arbeiten Computer und Mikrochips, und einige dieser sensiblen Elektronenhirne sind nicht gefeit gegen einen vertrackten Fehler, der vielen Rechenanlagen am 1. 1. 2000 den Garaus machen wird. Dann nämlich werden unzählige Computerprogramme aus dem Takt geraten, weil sie die Jahresangabe " 00 " mit dem Jahr 1900 verwechseln. Ursache ist die Nachlässigkeit einer ganzen Generation von Programmierern, die während der vergangenen 30 Jahre übersehen hat, daß Computer an Neujahr 2000 um 99 Jahre zurückspringen, wenn man Jahreszahlen nur mit zwei Ziffern abspeichert statt mit vier. Weltweit werden Unternehmen und Regierungen bis Sylvester 1999 zwischen einer und zwei Billionen Dollar investieren, um diesen sogenannten Jahr-2000-Fehler zu korrigieren.

Besonders argwöhnisch beobachten Computerexperten diejenigen Kernkraftwerke, in denen Rechner darüber wachen, daß die Elektrizität reibungslos erzeugt wird und der Reaktor im Notfall automatisch abschaltet. Zwar steuert in keinem Kraftwerk möglicherweise mangelhafte Software direkt die gefährlichsten Abläufe, etwa das Einund Ausfahren der Brennstäbe in die Kühlflüssigkeit. Doch selbst Fehler an vermeintlich harmlosen Stellen können unkontrollierbare Kettenreaktionen auslösen. Auch das Unglück in Block 4 des Reaktors von Tschernobyl begann 1986 mit einer kleinen Panne, die letztlich zur Kernschmelze in dem Kraftwerk führte.

Die Atomaufsichtsbehörde der USA, NRC (Nuclear Regulatory Commission), hat daher die Betreiber aller Kernkraftwerke verpflichtet, das Jahr2000-Problem bis zum 1. Juli 1999 aus ihren Anlagen zu verbannen und den Fortschritt der Fehlerbehebung regelmäßig mitzuteilen. Im Internet  http://www.nrc.gov  lassen sich die Berichte der AKW-Betreiber einsehen. Einige Anlagen müssen vielleicht vor dem Jahr 2000, abgeschaltet werden", erklärte NRC-Direktor Hugh Thompson, "Sicherheit geht vor Elektrizität. " Umweltschützer, aber auch konservative Abgeordnete und Senatoren fordern von der US-Regierung zudem, das Problem außerhalb des eigenen Landes anzugehen. In den vergangenen Monaten haben die Betreiber von Atomkraftwerken versucht, ihre Bemühungen weltweit zu koordinieren. Die Internationale Atombehörde der Vereinten Nationen in Wien fungiert dabei als Schaltstelle.

So fordern finnische Atomexperten über zwei russische Kernkraftwerke auf der Halbinsel Kola. Schließlich könnte ein Reaktorunfall unweit der Grenze bei ungünstigen Winden die Hauptstadt Helsinki radioaktiv verseuchen. In der ehemaligen Sowjetunion sind mindestens weitere 65 Kernkraftwerke noch nicht auf den Datumswechsel vorbereitet. Die örtlichen Betreiber haben erst vor wenigen Monaten begonnen, die Software der Anlagen zu durchforsten. Die ehemaligen Sowjetrepubliken "werden es kaum schaffen, ihre fehlerhaften Computer rechtzeitig auszutauschen", fürchtet Jim Wiborg, ein Atomexperte, der das US-Energieministerium berät. Der Wettlauf mit der Zeit dürfte zudem von der Tatsache behindert werden, daß viele Angestellte der Kraftwerksbetreiber seit Monaten auf ihr Gehalt warten.

Auch Länder wie Taiwan, Japan und Südkorea hoffen auf internationale Informationsaustausch - schließlich betreiben sie fast ausnahmslos Reaktoren aus den USA. Amerika könnte von einer weltweiten Zusammenarbeit ebenfalls profitieren: In Fernost. bricht das neue Jahrtausend zwölf Stunden früher an - genug Zeit für Notfallmaßnahmen, falls es in Asien zu Pannen kommt.

Doch selbst wenn es gelingt, fehlerhafte Kraftwerke rechtzeitig abzuschalten, könnten die Folgen des plötzlichen Energieausfalls dramatisch sein. Einige Staaten beziehen den größten Teil ihres Stroms aus Atomkraft - in der Ukraine beispielsweise sind es 40 Prozent. Sollten diese Kraftwerke mitten im Winter plötzlich heruntergefahren werden, würde die gesamte Strom- und Wärmeversorgung zusammenbrechen. Vielen Ländern bleibt mangels Geld nur die Möglichkeit, im wahrsten Sinne des Wortes von Hand einzugreifen: Dieselgeneratoren müssen bereit stehen, damit die Reaktoren im Notfall abgeschaltet werden können. Bewaffnete Milizen sollen notfalls in den ersten Wochen nach Neujahr 2000 zum Einsatz kommen, um die Ordnung auch im Dunkeln aufrechtzuerhalten.
Sogar in den USA wurde im Rahmen der Aufräumarbeiten rund um das Jahr-2000- Problem entdeckt, daß die Steuerung der verschiedenen Stromnetze stärker zusammenhängt als vermutet - ein kleiner Fehler könnte sich kaskadenartig ausweiten; als Folge könnte der Strom in weiten Landesteilen ausfallen. Wie schwer es ist, ein Atomkraftwerk vom Jahr-2000-Fehler zu befreien, zeigt das Beispiel des US-Reaktors San Onofre in Kalifornien. Bereits vor vier Jahren begann dort ein Team von 45 Spezialisten, die 180 000 Einzelteile der Nuklearanlage auf ihre Fehleranfälligkeit zu prüfen. Übrig blieben' 400 Komponenten, die in Tests den Wechsel der Jahreszahl nicht verkrafteten. Und von den wichtigsten davon sind bis heute erst drei Viertel ausgetauscht.
Oft stammen die Bauteile von Herstellern, die nicht mehr existieren.

Bearbeitet am: 14.02.1999/ad


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