Die Castor-Nix-Da Redaktion gibt Ihnen hier einen Überblick die

Y2K-Probleme

die aufgetreten sind.

Insbesondere danken wir Paul Nellenfür seine Recherchen und Mitarbeit.

Das weltweite Y2k-Überwachungssystem meldet am 31.12.99:

Mehrere Atomkraftwerke Japans geben Strahlenalarm: Y2k-Probleme mit der Strahlendosisüberwachung? Französische und amerikanische Spionagesatelliten nicht mehr kontrollierbar In Südkorea, Dänemark und USA kommen 100jährige Säuglinge zur Welt. 900 Wohnungen in Südkorea ohne Strom Taxiuhren in China zum Jahrtausendwechsel ausgefallen Iran meldet Geräteausfälle im Kliniklabor Hunderte von Internetseiten zeigen falsches Datum an: 100, 4000 oder 19100 Y2k-Störungen im Atomwaffenlager in Oak Ridge

Hand auf`s Herz: Wären Sie nicht auch beunruhigt gewesen, wenn Sie ab Silvester Nachmittag stündlich in den Nachrichten solche Meldungen gehört hätten? Sie wären vielleicht doch noch schnell zum Geldautomaten gelaufen und hätten Bares abgehoben, hätten die Badewanne volllaufen gelassen (20% mehr Wasserverbrauch am Silvestertag!), und noch ein paar Lebensmittel und Batterien auf Vorrat gekauft.

Nach Mitternacht wären Sie mit Ihren Maßnahmen durch solche Schlagzeilen bestätigt worden: Schwedische Kliniken müssen wegen Y2k-Ausfall zum Stethoskop greifen Kompletter Computerausfall bei Berliner Feuerwehr: Chaos nach Mitternacht Krisenstab der Bundesregierung meldet 605 Y2k-Meldungen per Internet, 1132 per Telefon, davon aus dem Gesundheitsbereich ca. 300 Meldungen. Tausende von Schweden haben keinen Bankzugang mehr Y2k-Ausfälle in über 30.000 deutschen Haushalten: Videorekorder, Stereoanlagen und Mikrowellen. Jahr 2000 Uhr am Eiffelturm kurz vor Mitternacht ausgefallen.

Nun was soll das, werden Sie fragen. Es ist doch weltweit nichts passiert! Das ganze Y2k-Problem war doch nachweislich eine riesige Geschäftemacherei und unverantwortliche Panikmache, ausgelöst durch Softwarehäuser, Hardwarehersteller, Berater und unverbesserliche Weltuntergangspropheten.

Hier irren Sie gleich vierfach: Alle oben aufgeführten Meldungen sind authentische Nachrichten von den ersten Tagen nach dem Jahrtausendwechsel. Während der jahrelangen Vorbereitung auf die "Nacht der Nächte" wurden Millionen von nichttauglichen Systemen und Komponenten entdeckt und ausgetauscht. Der Aufwand wird weltweit auf 600 - 1200 Mrd. DM geschätzt. Nicht alle gemeldeten Störungen werden auch veröffentlicht. Nichts gemeldet heißt nicht gleichzeitig: nichts passiert. Nichts passiert heißt oft auch: noch nicht entdeckt. Nichts entdeckt kann auch heißen: noch nicht ausgebrochen. Es gibt anscheinend eine große Dunkelziffer von nicht veröffentlichten, gemeldeten bzw. entdeckten Störungen. Das vom Y2k-Fehler betroffene EKG-Monitorsystem wird in insgesamt 15 schwedischen Krankenhäusern eingesetzt, aber nur drei Kliniken haben den Ausfall gemeldet.

Das Jahr 2000 Problem zeigt sich nur zum Teil (8-12%) um Silvestermitternacht. Die meisten Y2k-kritischen Systeme wurden auf Überkapazitäten, mehrfacher Redundanz, manueller Bedienung gefahren. Es standen Kundendienste und Ersatzgeräte mit sofortiger Einsatzbereitschaft zur Verfügung. Oder wo es ging, wurden kritische Systeme ganz abgeschaltet. In ganz Europa waren nur 5 Flugzeuge um Mitternacht in der Luft. Viele Länder führten extra Feiertage ein, um ihre Infrastruktur zu entlasten. Die Anwendungsprogramme mit vielen noch nicht betroffenen Programmschleifen müssen sich bewähren. Monats-, Quartals-, Halbjahres- und Jahresabschlüsse werden noch etliche unentdeckte Fehler aufdecken. Viele Mogeleien der Programmierer werden erst in einigen Jahren wirksam auffallen.

So blieb es nicht aus, daß die ernsten Y2k-Probleme erst nach und nach in den ersten Januartagen zum Vorschein kommen, allerdings anscheinend nur in den USA:
2.1.00: Der Y2k-Direktor der United Nations ruft am 2.1.00 einen weltweiten Alarm vor der Benutzung von Gambro Dialysegeräten aus.
3.1.00: Schwere Störungen im Flugverkehr in Chicago und an der gesamten US- Ostküste.
3.1.00: Massive Störungen im Flugverkehr von Neuseeland durch Rechnerprobleme
3.1.00: Kreditkartensysteme bei amerikanischen Tankstellen ausgefallen.
4.1.00: FBI kann die Datenbank für Waffenlizenzen wegen Y2k-Fehler nicht mehr nutzen.
4.1.00: Radioaktivitätsüberwachung in Atomwaffenfabrik in Tennessee ausgefallen.
4.1.00: Stromausfall in Los Angeles
4.1.00: Justizcomputer verlängert Haftstrafen in Italien um 100 Jahre
4.1.00: 28 Kernkraftwerke melden Y2k-Probleme
4.1.00: Führerscheine in Indiana und New Mexico werden falsch ausgestellt.
4.1.00: Kunde einer US-Videothek soll 177.000 DM Strafgebühr bezahlen.
4.1.00: In Schweden und Deutschland "Zahlensalat" auf den Konten von Online-Kunden
5.1.00: Viertgrößter Autoversicherer der USA hat Y2k-Problem in der Policenverwaltung.
5.1.00: Pentagon hat zwei Stunden lang keine Kontrolle über Spionagesatelliten
5.1.00: Verwaltungscomputer der Feuerwehr von Washington DC mit Y2k-Fehler
6.1.00: Die amerikanische Datenbank für Chemieunfälle ist nicht y2k-fähig.
6.1.00: Pentagon stellt 230 falsche Schecks aus.
6.1.00: Homebanking-Programm BankUp von Macintosh hat Y2k-Problem
6.1.00: 40.000 Händler haben Y2k-Probleme mit Kreditkarten.
7.1.00: In Arkansas sind die Verwaltungscomputer von 22 Landkreisen betroffen.
7.1.00: Unbekannte Anzahl von 112.000 Cash Cards der US-Post fehlerhaft
7.1.00: Chicago-Bank kann in 8 US-Staaten keine Medicare-Überweisungen tätigen.
7.1.00: Utah Food Bank in Salt Lake City Total-Crash für einen Tag
7.1.00: Die Personalverwaltung der US-Notfallmanagementbehörde ausgefallen.
8.1.00: Chevy Chase Bank Window-Versionen von Quicken 99 und 2000 fehlerhaft
8.1.00: MCS Spectrum Buchhaltungssoftware nicht y2k-fest
8.1.00: First Union Bank bezahlt Arbeiter doppelt: insgesamt 2,3 Mio. US-$
8.1.00: Scheckverkehr in Oregon gestört
10.1.00: Quicken Tool der Financial Times wegen Y2k zusammengebrochen
10.1.00: Wasserversorgungssystem in amerikanischer Stadt wegen Y2k ausgefallen
11.1.00: Datenbanken in 157 staatliche Alkoholläden wegen Y2k gestört
11.1.00: Medizinischer Notfallservice der Feuerwehr im Staate Washington ausgefallen
12.1.00: Datenbank der Wahlbezirke in Maryland gestört
12.1.00: Satellitenausfall des Pentagon ernster als zuerst gemeldet
12.1.00: 50.000 Zeugenaussagen in Topeka durch Y2k-Fehler zerstört
12.1.00: Y2k-Fehler in Auszahlungssoftware der Deutschen Oper in Berlin
13.1.00: LOTUS warnt vor Anwendung der DOMINO-Software wegen Y2k

Quellen:

 

Ca. 100.000 Vertragshändler haben massive Probleme durch nicht y2k-taugliche Software bei der Verarbeitung von Visa- und Mastercard-Kreditkarten bekommen. In den Niederlanden ist der Datentransfer zwischen 6000 APPLE-Nutzern und der Postbank gestört. Die ECRI-Datenbank listet in der ersten Januarwoche 19 nicht Y2k-taugliche Medizinprodukte auf, die teilweise sogar mit Y2k-Zertifikaten der Hersteller versehen waren. In der FDA-Datenbank sind 24 Reports zu finden. Alle diese Y2k-Probleme haben aber keine direkte Auswirkung auf die Patientensicherheit.

Aber sicherlich ist es richtig, zu fragen, ob solche Schlagzeilen das Jahr 2000 Problem in geeigneter Weise beschreiben und eine solide Grundlage für die Einschätzung bieten können. Wie sind die Vorfälle zu gewichtigen, in welchem Kontext stehen sie zu anderen Problemen der nationalen Infrastruktur, welche Auswirkungen werden sie haben und wie hoch ist der Ressourcenbedarf zur Behebung der Schäden?

Interessant war das Medienverhalten. Ein- bis vierstündige Dreharbeiten im November und Dezember führen zu drei- bis minütigen Beiträgen, teilweise sinnentstellend. Nach einer wahren Medienhatz auf die Aktion Krisenstab 2000 mit Radio- und Fernsehberichten in ARD, ZDF, SAT1, RTL, MDR ist das Interesse schlagartig erloschen. Geplante Sendungen im ZDF, Spiegel-TV, SAT1 und Phoenix Anfang Januar wurden mangels Nachrichtenwert kurzfristig aus dem Programm genommen.

Nach den ersten Wochen kann man als erste Ergebnisse festhalten: Es gab weltweit ein massives Y2k-Problem, dessen wichtigste Komponenten mit gewaltigem Aufwand weitgehend gelöst wurde. Es gibt multiple kleinere Y2k-Probleme im Jahre 2000, die wahrscheinlich mit überschaubarem Aufwand lösbar sind. Die nationale, europäische und internationale Kooperation auf diesem Gebiet war bislang vorbildlich. Die Information über das Y2k-Problem wird durch Medieneinfluß verzerrt. Die öffentliche Berichterstattung führt zu einer starken Polarisierung der Fachmeinungen. Das Internet ist ein hocheffizientes und ultraschnelles, aber nicht zu kontrollierendes Informations- und Kommunikationssystem geworden.

Der chaotische Notfall

Die in den letzten Chroniken besprochenen Erscheinungen des Y2k-Problems: der chaotische Notfall und die fraktale Notfallbekämpfung waren in der Silvesternacht in Berlin am realen Beispiel zu studieren.

Der chaotische Notfall entstand bei der Berliner Feuerwehr in mehreren Schritten: Vorspiel: In der Feuerwehrleitzentrale waren 60 Notrufleitungen gelegt worden, die 25 Personen bedienten. Mehrere Testläufe der zentralen Computer des Feuerwehrinformations systems FIS am 18. Dezember verliefen ohne Störungen. Exakt um 0.04 Uhr meldet der Hauptrechner FIS 3: "Teile des laufenden Notrufprogramms sind abgestürzt." Klassischer Notfallplan: Neustart des Programms. Die EDV-Spezialisten versuchen einen Neustart. Er mißlingt aufgrund von Fehlbedienungen. Erste Rückfallebene im klassischen Notfallplan: Einsatz des FIS 3-Ersatzrechners Auch den Ersatzrechner bekommen die EDV-Spezialisten nicht zum Laufen. Zweite Rückfallebene tritt in Kraft, das alte Computersystem FIS 2 wird eingesetzt. Der Rechner FIS 2 wird zunächst erfolgreich gestartet, bricht auch kurz danach wegen Überlastung zusammen. Dritte Rückfallebene: Manueller Betrieb mit Handzettel 7000 Notrufe, 3900 Einsätze davon 800 Brände sind in dieser Nacht zu koordinieren, 40% mehr als im Vorjahr. Hierzu müssen zwischen 02:30 und 05:00 Uhr auch Freiwillige Feuerwehren aus Brandenburg angefordert und in Berlin eingesetzt werden. 2 Millionen Menschen feiern gerade ausgelassen am Brandenburger Tor. Der Sanitätsdienst entlang der Veranstaltungsmeile zwischen Fernsehturm und Siegessäule muss insgesamt 1.650 mal Hilfe leisten und 150 Transporte durchführen.

Hinzu kommt eine Störung bei der Statusanzeige der Einsatzfahrzeuge: "Unzählige Einsätze gingen schlicht verloren. Aber das wurde erst nach mehr als 60 Minuten bemerkt. Als die Melder dieser Notrufe irgendwann nachfragten, wann denn nun endlich Hilfe käme, wußte niemand mehr, ob dorthin bereits ein Wagen unterwegs war. Also wurde vorsichtshalber trotzdem erneut ein Wagen geschickt. Und diese Fahrzeuge fehlten dann an anderer Stelle."

Ein Mann mit einem Schwächeanfall stirbt zwei Stunden nach einem ergebnislosen Notruf. Ein Schwerverletzter muß mehr als 20 Minuten auf den Notarzt warten. Einige Häuser, Wohnungen und PKWs brennen ohne Löschversuche aus.

Notgedrungen steigt man auf die fraktale Notfallbekämpfung um. Kleine eigenständige Teams kümmern sich nun um die Brandbekämpfung: In ihrem Ausrückebezirken fahren die Löschfahrzeuge laufend Streife und werden bei Bedarf unmittelbar selber tätig. Die Polizei holt ihre Wasserwerfer und löscht mehrere Wohnungs- und Dachstuhlbrände eigenständig. Dabei verletzen sich mehrere Polizeibeamte.

Die Experten der Systemfirma Bull können das Programm erst gegen drei Uhr wieder zum Laufen bringen. Die Ursache des Ausfalls ist rätselhaft. "Eine Verkettung unglücklicher Umstände, technischen Versagens und menschlicher Handlungsweisen habe zum Computer-Ausfall bei der Berliner Feuerwehr in der Silvesternacht geführt." teilte der Berliner Innensenator in einer Pressekonferenz mit.

Der Jahr 2000 Stab der Bundesregierung meldete in seinem offiziellen Bericht mit dem Titel "Deutschland hat den Datumswechsel erfolgreich bestanden... Die gemeldeten Störungen waren entweder keine Jahr 2000 Probleme oder lediglich kleinere interne Störungen ohne jegliche Auswirkung nach außen, z.B: Der Ausfall zweier Einsatzrechner der Feuerwehren in Berlin und Hamburg hat sich als bereits vorher aufgetretenes und bekanntes Überlastproblem herausgestellt (also kein Jahr 2000 Problem).

Bearbeitet am: 26.01.2000/ad


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