Wenn jemand in einer Sitzblockade sitzt, zeigt er damit an, dass er gewaltfreien, passiven Widerstand leistet. Er liefert sich aus, gibt sich in die Hände der ihn abräumenden" Polizeikräfte. Er tut dieses aus politischem, gesellschaftlichen Engagement, nicht zu seinem eigenen Vorteil. Entfernt er sich nach der dritten Aufforderung, seinen Platz freiwillig zu verlassen, nicht, so nimmt er in Kauf, vorübergehend seiner Freiheit beraubt zu werden. Harlingen, Sonntag Vormittag: Der Beamte teilt mit: Entweder Sie stehen auf, oder wir nehmen Sie in Gewahrsam. Das Wochenende können Sie dann vergessen. (Das ist auch schon nicht rechtens, aber noch verbal.)
Daraufhin, als der Demonstrant dies in Kauf zu nehmen bereit ist, ergreift ein zweiter, dem ersten vermutlich untergeordneter Beamter den Kopf des vor ihm Sitzenden von oben, dreht ihn, mit beiden Händen rechtwinklig zur Seite und belässt ihn in dieser Stellung. Beim Zusehen hat man das Gefühl, er bricht ihm gleich das Genick.
Das passiert nicht, der Griff scheint geübt. Daraufhin wird der Demonstrant weggehoben. Trotz empörten Protestes der Umsitzenden und Umstehenden wird beim nächsten Demonstranten ebenso verfahren. Es ist eine direkte, eingeübte Zufügung von Schmerzen an einem Wehrlosen.
Ich bin aufs Neue entsetzt, denn auch andere bewusste Schmerzzufügungen an Wehrlosen, manchmal lediglich leicht widerstrebenden Sitzblockierern, habe ich kennen lernen müssen, zum Beispiel Handgelenk abknicken, Arm nach hinten umbiegen bis das Ellenbogengelenk fast ausrenkt, Fingerkuppen eindrücken, in die Augen greifen, den Unterkiefer vorziehen, von oben in die Nase greifen und Anderes. Wenn man schon so etwas Gewalttätiges" lernt, warum lernt man nicht ebenso viel Rechts- und Staatsbürgerkunde dazu, warum wird so etwas vom Einsatzleiter zugelassen oder gar angewiesen?
Diese Griffe sind oft unsichtbar, anders als an den Armen und Beinen wegschleifen, einfach so über das Gesicht wie bei einer Demonstrantin an der selben Gleisblockade usw.
An anderer Stelle ist man behutsamer, es ist von Einheit zu Einheit, auch von Person zu Person verschieden. Ein Beamter bei der Sitzblockade beim Verladekran, dem ich die Vorgehensweise beklagte, meinte: Sie wissen doch, dass Sie eine Straftat begehen!" So? Ich denke, hier ist dringend Aufklärungsbedarf vonnöten. Sitzblockaden sind Ordnungswidrigkeiten. Haben Sie schon einmal einen Polizisten gesehen, der einem falsch Parkenden der Kopf umdrehte?
Im Verlauf des Castors bin ich noch mehr Brutalität und Unrecht begegnet, zum Beispiel gegen Morgen in Laase, als der Castor-Transport schon durch war, als eine Polizeieinheit die Demonstranten wie in eines Schlacht über die Wiese jagte und sie nieder prügelte, was ihnen in den Weg kam. An nächsten Tag ist dann in des Zeitung zu lesen, dass sich eine Polizeireiterin mit einem Ast an Auge verletzte, weil ihr Pferd scheute.
Jutta von dem Bussche