Leserbrief der
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vom 22.11.2003
Betrifft: Bilanz nach dem Castor-Transport
| Noch ist der Kopf besetzt wie kürzlich das Land. Die Bilder vibrieren
noch nach, das Einschlafen fällt schwer, Filme spulen immer wieder ab. Die letzten
Polizisten aber sind real, räumen den NATO-Draht an meiner Grundstücksgrenze. In der EJZ singen Innenminister und Oberwachtmeister das Loblied auf den friedlichen Widerstand. Die gleiche Wut wallt in mir hoch wie am Morgen, ein paar Grad unter Null, eingekesselt mit 1000 anderen, herausgebrüllte Ohnmacht, als uns die ganze Palette staatlicher Gewalt angeboten wird. Dann zählen sie: 94 Ingewahrsamnahmen, ein Verletzter, grobe Lügen wie immer. Ganze Dörfer in Gewahrsam, tausende Menschen der Freiheit beraubt, wer nicht freiwillig wich, wurde wieder "behandelt" mit Tritten, Faustschlägen, Würgegriffen, Gliederumdrehen, Nasenschrauben, Haareziehen, erkennungsdienstlich. 85 Verletzte, reicht das? Die neue Qualität kommt im Staatsbericht nicht vor: Kirchen umstellen wie in Salvador, Gemeindehäuser schleifen, ganze Dörfer von der Außenwelt abschneiden, die Kessel, in denen die wie Vieh Eingepferchten nach vielen Stunden Ausharrens bei Frost mit Wasserwerfern in Schach gehalten werden. Umstellt von Polizei und BGS, und die seltsam unwissend über die Sache, um die es geht, über den Landkreis und seine Menschen. In der Spalte daneben schwelgt die Kreisgrünenvorsitzende über die große Einheit, aber eben nicht nur hier auf der Straße, nein, mit ihrer grünen Bundespartei. Welch ein Realitätsverlust! Ganz dick kommt's auf Seite 11: Der Leserbrief "unserer" grünen Bundestagsabgeordneten: Feiern sollen wir, und zwar die Abschaltung des Schrottreaktors Stade. Kam da nicht direkt am Castor-Tag schon Post von den Landesgrünen? Mit der Einladung zu einer großen Abschaltparty in Stade? Ausgerechnet an mich? Neben der Tritz-Kritik an der mäkeligen BI wie bestellt eine Anzeige mit Bild, Liegestuhl vor AKW. Jürgen schaltet ab. Marianne belobigt das, was sie Ausstieg nennen. Haben wir nicht gemeinsam vor Jahren im Dannenberger Rat immer wieder auf die Wirtschaftlichkeitsstudie der Hamburger Elektrizitätswerke (HEW) hingewiesen? Auf die Kernaussage, von vier AKWs der HEW waren zwei komplett unwirtschaftlich - eines davon Stade. Nicht Jürgen schaltet und waltet ab, die Atomindustrie verlagert ihre Restlaufzeiten von unökonomischen AKWs auf lukrative! Die garantierten Rahmenbedingungen lieferten die Grünen, den reibungslosen Ablauf der Castor-Transporte inklusive. Die Staatsgewalt ist kalkulierter Teil des Ganzen! Nee, liebe Grüne Wellenreiter, diese geballte PR-Offensive stinkt vor Eigenlob und geht voll nach hinten los. Zu feiern gibt's was, das stimmt, aber nicht Stade und nicht Jürgen, sondern den buntesten, breitesten, kreativsten Widerstand, den ich je erlebt habe, allem Wunschdenken der Polizeistrategen zum Trotz stärker denn je. Zu feiern gilt es die vielen jungen Menschen, die mir einen solchen Mut gegeben haben, dass ich eine Gänsehaut kriege. Kurt Herzog, Dannenberg |
Bearbeitet am: 24.11.2003/ad