DIE INITIATIVE 60
Widerstand der
Weißhaarigen gegen den atomaren Wahnsinn
von August Quis
| Anfang Februar 1984 war
das Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente fertiggestellt. Mit baldigen
CASTOR-Transporten mußte gerechnet werden. Da schrillten bei einigen Weißhaarigen die
Alarmglocken. Sicher hatten wir schon am Widerstand gegen den Atomwahn auch an früherer Stelle mitgewirkt; nun aber ergab sich eine neue Situation. Die CASTOR Behälter mit ihrem ungeheuerlichen radioaktiven Potential durften nicht ungehindert in den Landkreis gebracht werden. Wenn auch die Phantasie noch nicht ausreichte um sich die Art und Weise der Transporte vorzustellen, so war doch klar, daß es Sitzblockaden auf der Straße geben müßte. An vorderster Linie durften nicht die Frauen im gebährfähigen Alter oder gar Jugendliche sitzen, die vor allem durch die starke Neutronenstrahlung Schaden am eigenen Leibe und an dem Leben kommender Generationen nehmen konnten. Das erschien uns die Aufgabe der über Sechzigjährigen zu sein. Selbst wenn wir nach Jahren Krebs bekommen sollten, so geschähe dies doch nahe am natürlichen Lebensende, zukünftiges Leben würde jedoch nicht bedroht. Zusätzlich fühlten wir uns besonders herausgefordert, weil wir die Katastrophe von 1945 am eigenen Leibe erfahren hatten. Damals hatten wir uns geschworen unsere ganze Kraft einzusetzen, damit unsere Kinder ein besseres Leben in Freiheit des Denkens und Tuns, in Menschenwürde und Mitmenschlichkeit führen können. Dieses Ziel sahen wir jetzt durch die Profitgier der Atomwirtschaft bedroht. Einige Frauen und Männer setzten sich zusammen und entwarfen einen ersten Aufruf Die Reaktion war erstaunlich gut. Schon beim ersten Treffen am 18.4.84 in Dannenberg erkläften sich über 30 ältere Menschen mit den Zielen einverstanden und immer wieder kamen Neue hinzu. Einheimische und als Zivilisationsflüchtlinge Zugezogene verteidigten ihre neue Heimat genauso energisch wie Alteingesessene. Eine hierarchische Führung wurde von uns ebenso sorgfältig vermieden wie satzungsgemäße Organisationsstrukturen. Es war und blieb eine Initiative zum gemeinsamen Handeln in Spontanität. Es sollte noch ein ganzes Jahrzehnt dauern, bevor der erste CASTOR anrollte. Doch das bedeutete keineswegs Untätigkeit. Mit Mahnwachen und Aktionen voller Kreativität wurde an der Seite der BI-Umweltschutz der Widerstand wachgehalten, ja weiter ausgebaut. Die erste spektakuläre Aktion fand am 2. Mai 1984 in Bonn mit der Besetzung des Justizministeriums statt. Sie hier eingehend zu schildern ist nicht der Platz, nur soviel - die durchgesickerte Aktion gelang trotzdem und zwar weil sie nicht von Jugendlichen (die schon unter kriminalisierenden Bewachung standen) durchgeführt wurde, sondern von seriösen Weißhaarigen. Damit hatte keiner gerechnet. So wurde diese Aktion bei aller Aufregung der anderen Seite für uns ein voller Erfolg. Ein Sicherheitsbeamte des Gebäudes bedankte sich später in einem persönlichen Gespräch im Namen seiner Kinder und schloß mit dem Satz, wir hätten einen erfrischenden Windstoß in die miefige Bonner Atmosphäre getragen. Bald wurde die Initiative 60 wie sie sich kurz danach nannte, auch weit über die Kreisgrenzen bekannt. Es erfolgten Einladungen z.B. nach Hannover und München mit der Bitte, Ziele und Erfahrungen darzustellen. Ein besonders enger Kontakt bestand über Jahre nach SchwandorfWackersdorf. Überall wurde das Bestreben die Generationen im Widerstand gegen Umweltzerstörung zu vereinen, als mustergültig anerkannt und vielfach als Anstoß zu ähnlichem Handeln verstanden. Entscheidend mitgewirkt zu haben,
daß es innerhalb des Widerstandes keinen Generationskonflikt gibt; das Großeltern,
Eltern und Kinder bis hin zu Enkelkindern gemeinsam auf der Straße sitzen und sich
gegenseitig in Hochachtung begegnen - das sieht die Initiative 60 als ihren größten
Erfolg an. Das gibt in bedrohlichen Situationen Mut und Zuversicht, diese Bedrohung des
Lebens noch verhindern zu können. Der Blick in die Augen der Jüngeren wird zum
beglückenden Erlebnis. Seit der Gründung vor über 14
Jahren sind manche von uns gegangen. Mit Ruth Simon über Herbert Brückner bis Wilhelm
von Alemann seien nur drei erwähnt. Die Brücken aber schließen sich immer wieder von
Neuem. Unsere monatlichen Zusammenkünfte sind noch immer gut besucht. Für die Mitwirkung
werden keinerlei Vorbedingungen gestellt, wenngleich das einigende Band der Kampf um die
Erhaltung des Lebensraumes und die Sorge um die Gesundheit der künftigee Generationen
ist. "Wir lassen uns nicht Kurze Anmerkung der Redaktion: Das die Initiative 60 (Durchschnittsalter 72) auch im musikalischem Bereich keine Hemmschwellen kennt, bewies sie jüngst vor den Toren des Zwischenlagers, als sie die Rock-Gruppe"Fury in the Stoterhouse" einlud und mit ihnen vor laufenden Kameras ihr eigens komponiertes Stück "Wir sind die Ini 60" sang. |
Bearbeitet am: 20.08.1998/ad