Flugblatt , Anschreiben datiert vom 17. 9. 96
10 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl befindet sich die bundesdeutsche Energiepolitik nach wie vor in der atomaren Sackgasse. Während die Endlagerung des über Jahrhunderte radioaktiv strahlenden Atommülls ungeklärt ist, wollen die Bundesregierung und einige Wirtschaftsverbände eine neue Generation von Atomreaktoren zur wichtigsten Stütze der Energiegewinnung machen. Dazu brauchen sie den Nachweis einer gesicherten Entsorgung. Mit ungeheurem materiellen und personellen Aufwand sollen daher die Castor-Transporte ins Gorlebener Zwischenlager gebracht werden. Mehr als 20.000 Polizeibeamte mußten den zweiten Castor-Transport im Mai 1996 begleiten. Im Spätherbst soll ein weiterer Transport mit drei Castor-Behältern folgen. Gorleben ist so zum Kristallisationsort für die Zukunft unserer Energiepolitik geworden: Ausstieg aus der Atomenergie oder Einstieg in die atomare Daueroption, die die erneuerbaren Energien aus Sonne und Wind bis ins nächste Jahrtausend verhindern soll.
Weil die Atomenergie eine nicht beherrschbare Technik ist, die über viele Generationen hinweg in der Anwendung und in der Endlagerung ungeheure Risiken birgt, haben Christen in Deutschland schon frühzeitig davor gewarnt. Die Synode der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg (Berlin-West) hat im Mai 1988 mit großer Mehrheit den Ausstieg aus der Atomenergie gefordert. 10 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl hat die diesmal vereinte Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ohne Gegenstimmen diesen Beschluß bekräftigt: "Wir fordern erneut den Ausstieg aus der Atomenergie."
Wir rufen daher die Christen Berlins und Brandenburgs auf, sich dem nächsten CastorTransport gewaltfrei entgegenzustellen. Die Unteneichnenden erklären sich mit ihrer Unterschrift dazu bereit. Wir werden, wenn der Castor-Transporttermin feststeht, Busse bereitstellen und Gemeindeausflüge nach Dannenberg-Gorleben organisieren. Wir stellen uns quer!
Erstunterzeichner/innen: Reinhard Auener (Pfarrer), Matthias Bender (Kirchenmnusiker), Eva Börscl-Supan (Kunstluistorikerin), Helmut Börscl-Supan (Museumsdirektor a.D., Synodaler), Ulrike Bukowski (Amt für Jugendarbeit), Kirsten Elmen (Dipl päid ), Maike Heen|5ann (Schülerin), Matthias Kießling (Sozialarbeiter), Anne Korn (GKR, Kreissynode), Reinhart Kraft (Pfarrer), Elisabeth Kranz (Frauenurat, Kreissynodc), Franziska Kranz (Schülerin), Peter Kranz (Pfarrer), Silke Krenzer (Diakonin), Wiebke Kresse (Diakonin), Guido Krüßmann (Solarpfennig), Werner Laue (GKR, Kreissynode), Jochen Liedtke (Joumalist), Mario Lucchesi (Pfarrer), Margit Müseler (Synodalc), Gerti Renncr (Sozialarbeilerin), Jens Schmiitz, Heike Schönauer (Sachbearbeiterin Bezirkskirchenamt), Elke Schöning (Küsterin), Sebastian Summerer (Student), Sabine Vierkant (Hausfrau)
Peter Kranz
Pfarrer
Luther-Gemeinde
Schönwalder Str. 24
13585 Berlin-Spandau
17. September 1996
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Synodale und Gemeindekirchenräte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Christinnen und Christen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg,
der beiliegende Aufruf "Christen nach Gorlehen - Wir stellen uns quer" ist im Auftrag des Umweltausschusses des Ev.Kirchenkreises Berlin-Spandau verfaßt worden. Wir suchen Christinnen und Christen, die diesen Aufruf mit ihrer persönlichen Unterschrift mittragen. Der Aufruf soll im Oktober veröffentlicht werden. Unterschreiben sollten nur diejenigen, die bereit sind, sich quer zu stellen, d.h. nach Dannenberg-Gorleben mitzufahren (ohne jedoch schon jetzt zu wissen, ob sie denn am Tag des Castor-Transportes konkret auch dabeisein können). Vielleicht erinnern sich manche der Westberliner Kolleginnen noch an unsere Aktion "Christen nach Mutlangen" vor über 10 Jahren. In gleicher gewaltfreier Weise wollen wir uns mit dieser Aktion zivilen Ungehorsams dem nächsten Castor-Transport entgegenstellen / querstellen. Wie schon im Mai 1996 wollen wir auch diesmal gemeinsam mit den IPPNW-Ärzten Busse mieten.
Mit herzlichem Gruß
(Peter Kranz)