Elbe-Jeetzel-Zeitung - Zeitungskopf

Pressemitteilung der BI vom 23.02.1997

Von Speck und Mäusen ist hier nicht die Rede. Von einer Falle schon. Die Gewaltfalle ist gemeint. Riesengroß ist sie wieder aufgespannt und schlug auch schon zu. Als Menschen am letzten Tag X bei der Sitzblockade in der Nähe des Castorverladekrans von Polizisten getreten und geprügelt wurden, als sie vom Hochdruckwasserwerfer förmlich von der Straße gespült wurden, setzten sie sich vereinzelt mit Grassoden, Steinen und Flaschen zu Wehr, Ernsthaft verletzt von den Wurfgegenständen aus der 2. und 3 . Reihe wurden diejenigen, die gerade Dresche bezogen . Polizistinnen tragen namlich Schutzkleidung. Der Aufschrei von Politikern und Medien, das sei "wie im Krieg", ist nicht vergessen. Gewaltdebatte nennt man das. Brennende Strohballen, fliegende Flaschen und Steine machen sich als Bildmotiv eben besser als Menschen, die auf der Straße sitzen, sich unterhaken und "keine Gewalt" skandieren, Gewaltfreiheit hat einen geringeren Nachrichtenwert. Worin letztlich das Medieninteresse besteht, hat sich sogar bei uns schon herumgesprochen. Gewaltfreiheit macht Polizei und Innenpolitikern Sorgen, weil das Feindbild nicht funktioniert. Die Gewalt wurde im Mai 1996 erst herbeigeredet, als sie ausblieb, mußten einige Demoszenen dafür herhalten, etwas zu dokumentieren, was so nicht war. Randerscheinungen wurden zum bestimmenden Bild hochstilisiert.

Völlig vergessen wird, daß es in der Tat Gewalt gab. Staatlich verordnete und legitimierte Gewalt. Traktoren wurden fernab der Castor­Transportstrecke demoliert und fahruntauglich gemacht, Bauern wurden verprügelt. Demonstranten wurden stundenlang eingekesselt oder in Gefangenenbusse zusammengepfercht. Rechtswidrig. Freiheitsberaubung nennt man das. Und während ein Demonstrant wegen Beleidigung verurteilt wird, weil er in seiner Wut einen Beamten "Wichser" titulierte, rechtfertigt der niedersächsische Innenminister den überfall auf die Bauern als "geringeres polizeiliches Mittel". Vorsichtig! Wir sollen in Rage kommen. Die Gewaltfalle ist aufgespannt. Wir sollen hineintappen. Der Verfassungsschutz hat in uns den inneren Feind ausgemacht. Castorbehälter sollen mit einem Riesenaufgebot an BGS und Polizei nach Gorleben gebracht werden. Die Durchsetzung der Belange der Atomindustrie wird zu einer Sache der Staatsraison. Der Eskalation der Gewalt wird das Wort geredet. Uns soll das Rückrat gebrochen werden, man will uns demoralisieren.

Für dieses durchsichtige Szenario geben wir uns nicht her. 20 Jahre lang haben wir die "Schlacht um Gorleben" vermieden. Wir werden uns auch diesmal nicht vorführen lassen. Muß ich es noch einmal sagen? Also denn: nicht die Polizei ist unser Gegner, die muß die Drecksarbeit machen für entscheidungunfähige Politikerinnen. Die Umweltministerinnen Merkel und Griefahn sind völlig abgetaucht. Vom Atommülldesaster mußte die Rede sein. Nicht von Aufmarschplanen. Warum also sollten wir Polizistinnen "angreifen"?

Gewaltig, aber gewaltfrei ­ besonnen, aber mit List und Tücke: das ist über Jahre gereifter Konsens im Wendland. So wird sichtbar, von wem die Gewalt ausgeht. So gewinnen wir ­immer mehr Menschen, sich unserem Widerstand anzuschließen. Die Schlacht um Gorleben findet in den Herzen und Köpfen statt. Wer sich uns anschließt, weiß worum es geht.

Wolfgang Emke