Redebeitrag von Lilo Wollny

(auf der Demonstration „Respekt“, von Eltern und Kindern gegen die Polizeiwillkür bei der SchülerInnendemo in Lüchow am 8. 11. 2007)

Liebe Freunde, Kampfgefährten und Zuhörer!

Dies ist eine ungewöhnliche Demonstration. Hier stehen zum ersten Mal ganz bewußt Angehörige von vier Generationen gemeinsam auf der Straße.

Urgroßeltern, Großeltern, Eltern und Kinder!

Zum ersten Mal in meiner langen Widerstandskarriere ist unser Adressat nicht die Atommafia, sondern die Polizei und im Prinzip ihr Arbeitgeber, die Staatsgewalt.

Um es von vornherein zu sagen, ich war bei der Schülerdemo nicht dabei. Deshalb werde ich über den Verlauf nicht urteilen.

Was immer geschah, es hat seine Ursache auf beiden Seiten.  Seit Beginn des Widerstandes bemühen wir uns, klarzustellen, dass nicht die Polizei unser Gegner ist, aber es wird zunehmend schwerer, das zu vermitteln.
Ein Blick in die Geschichte:

Bis 1977 hatten wir im Landkreis unsere „Dorfsherrifs“.

Es war der Mitbürger von nebenan, mit dem man am Abend Skat spielte, mit dem man befreundet war, dessen Kinder mit unseren in die gleiche Klasse gingen. Das tat der Autorität keinen Abbruch. Man wusste: ihre Aufgabe war es, für Recht und Ordnung zu sorgen. Sie waren „Freunde und Helfer“.
Das alles änderte sich mit dem Einzug der Atommafia in unseren Landkreis. Ich erinnere mich an meine erste Aktion bei einer Flachbohrung.

Da war die Bohrstelle umstellt von Polizei mit Helmen und Visieren – in einer Hand einen Schild, in der anderen Hand einen Knüppel.

Wenn wir versuchten sie anzusprechen, so sahen sie durch uns hindurch, als wären wir gar nicht da. Ich hatte damals furchtbare Angst, ich konnte nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Ich habe damals in einem Interview gesagt, sie wären mir vorgekommen, wie „fellbezogene Roboter“!

Seither hat sich dieser Eindruck ständig verschlimmert.

Während der Zeit der Sonderkomission wurden wir ständig bespitzelt. Oft standen die Polizeiwagen Tag und Nacht vor unserer Tür, Autos wurden verfolgt, Nummern aufgeschrieben, wo immer wir uns befanden.

Wie sieht es aus, heute, während der Castortransporte?
Grüne Wagen in jedem Waldweg, an allen Straßenecken, und bei den Transporten Spaliere von Polizisten, die ausgerüstet sind, als stünden sie Schwerverbrechern gegenüber, und nicht Bürgern, unbewaffnet mit blossen Händen.

Mit diesem Polizeibild wachsen unsere Kinder auf. Sie sehen, wie ihre Eltern wie Verbrecher behandelt werden, von denen sie doch wissen, dass sie für das Leben ihrer Kinder auf die Straße gehen.
Für wen aber stehen diese Polizisten da? Vor wem glauben sie die Atomtransporte verteidigen zu müssen? Was muß man ihnen einblasen, damit sie ihren Einsatz rechtfertigen können?
Sie müssen „Gesetze“ durchsetzen? Gesetze für wen?
Sie gehorchen Befehlen? Ich würde mich hüten, mich darauf zu berufen. Das haben schon andere vor ihnen getan, und denen ist das nicht besonders gut bekommen.

Ich bin sicher, dass viele junge Menschen nicht zur Polizei gehen, um jugendliche Demonstranten zu verfolgen.
Und trotzdem passiert es.

Wer wird hier eigentlich von wem mißbraucht und instrumentalisiert?
Uns vorzuwerfen, wir würden unsere Kinder für unsere Ziele einspannen, als wüßten sie nicht, was sie tun? Das ist die größte Unverschämtheit, die ich je gehört habe!
Wenn das die Meinung des verantwortlichen Konfliktmanagers ist, dann wundere ich mich über gar nichts mehr.

Übrigens, ich finde, dass Eier viel zu schade sind, um sie sowohl auf Menschen zu werfen, als auch Fenster damit zu beschmieren.

Es ist auch nicht unbedingt unsere Art, Widerstand zu demonstrieren.

Vielleicht ist es an der Zeit, mit unseren Jugendlichen etwas mehr zu reden. Vielleicht sollten die Schulen uns einladen, um mit unseren „Nachkommen im Widerstand“ zu diskutieren.
Wir kommen aber auch gern in die Polizeikasernen, um den jungen Polizisten klarzumachen, dass nicht sie unsere „Feinde“ sind, und dass wir auch für ihre Zukunft auf der Straße stehen, schließlich macht radioaktive Strahlung nicht Halt vor Uniformen.

Bearbeitet am: 03.12.2007/ad


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