Gorleben 01.09.20007

Redebeitrag Winfrid Eisenberg

IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War = Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs / Ärzte in sozialer Verantwortung)

Das Denken der Zukunft muss
Kriege unmöglich machen.
(Albert Einstein)



Am 31. August 1939 wurde der Sender Gleiwitz an der deutsch-polnischen Grenze von, wie es hieß, polnischen Freischärlern überfallen und besetzt. Die Medien, damals Zeitungen und Rundfunk, produzierten eine ungeheure Empörung über polnische Grenzübergriffe und verlangten „Gegengewalt“ -
ab 1.9. wurde „zurückgeschossen“, der Beginn des 2. Weltkriegs hatte in den Augen der Deutschen seine Rechtfertigung.
Später kam heraus, dass die polnischen Freischärler verkleidete SS-Leute waren, der Gleiwitzer Überfall und ähnliche vorangegangene Aktionen nichts als Inszenierungen, um die Volksseele zum Kochen zu bringen und die Menschen kriegsbereit zu machen.

Das kommt uns Heutigen doch bekannt vor: Belgrad musste bombardiert werden, weil die Serben mit einem angeblichen Hufeisenplan die Kosovo-Albaner vernichten wollten; den Irak musste man aus Kuwait vertreiben, weil Soldaten angeblich Frühgeborene aus den Brutkästen geworfen hatten, in Afghanistan galt es u.a., unterdrückte Frauen zu befreien; wieder im Irak: eindeutige Luft-Beweise für Atombombenfabriken wurden behauptet, die Herr Blix von der IAEO an Ort und Stelle allerdings nicht finden konnte. Medienwirksame Kriegsauslöser werden regelmäßig aufgebauscht, vorgetäuscht oder völlig frei erfunden; vorgeschobene humanitäre Begründungen für eine militärische Intervention - das klingt etwas besser als Angriffskrieg - machen sich immer gut.

Dem Iran, dessen Ölreichtum ebenso wie der des Irak jeden Einsatz lohnt, wird seit Jahren mit „harten Maßnahmen“ gedroht. Ich behaupte, dass dort längst Krieg wäre, wenn die militärischen Kräfte der USA nicht so dauerhaft im selbst verschuldeten irakischen Chaos gebunden würden.
Die Drohungen gegen den Iran sind ein Musterbeispiel dafür, dass auch den Befürwortern der sogenannten „friedlichen“ Atomenergie der Zusammenhang von Atomenergie und Atomwaffen völlig klar ist; sie gehören wie die beiden Seiten einer Medaille zusammen. Die IAEO als die mächtige internationale Atomlobby, neuerdings mit dem Papst im Schlepptau, verrenkt sich unablässig bei dem versuchten Spagat, die „Atoms for Peace“ nach Kräften zu fördern und gleichzeitig die Atomwaffenproduktion durch Unbefugte zu verhindern.

Wer aber die Technik der Urananreicherung beherrscht, kann aus Uranerz mit ca. 0,7 % U 235 Brennstäbe mit ca. 5 % U 235 oder, allerdings mit viel größerem Aufwand, für den Bombenbau geeignetes Material mit über 90 % U 235 herstellen. Das erste zu erlauben, zu forcieren und sogar als die Lösung der Welt-Energieprobleme zu feiern, das zweite aber nur denen vorzubehalten, die es bereits haben: das kann nicht ohne Konflikte funktionieren. Atomreaktoren sind weltweit sozusagen die Türöffner für den Atombombenbau.
Das Beispiel Iran zeigt überdeutlich den unmittelbaren Zusammenhang von Atomenergie, Atomwaffen und Krieg.

Dem Iran nun alles, auch die Herstellung von Brennstäben, verbieten zu wollen, lässt das heuchlerische Verhalten der USA und der anderen Atomwaffenstaaten erkennen.
Ich will an dieser Stelle nicht missverstanden werden: Ich bin keineswegs dafür, dass der Iran Atomreaktoren betreibt, aber die USA, Russland, Frankreich, Deutschland und all die anderen dürfen es ebenso wenig. Die Atomkernspaltung birgt so viele Gefahren, dass Menschen, die ja nun einmal von Natur aus Fehler machen, die Finger davon zu lassen haben.
Henrik Paulitz, unser IPPNW-Atomexperte, hat in Vorbereitung einer Klage gegen den Weiterbetrieb von Biblis B über 50 voneinander unabhängige Sicherheitsdefizite beschrieben, die bei bestimmten Konstellationen ein Tschernobyl im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet verursachen können.

Wir sind es unseren Kindern, Enkeln und allen nachfolgenden Generationen schuldig: Nicht nur die noch auf deutschem Boden lagernden Atomwaffen müssen weg, sondern auch die Atomreaktoren mit ihren unermesslichen Gefahren im Normalbetrieb, bei Unfällen, Angriffen und mit dem grundsätzlich unlösbaren Problem der sicheren Endlagerung radioaktiven Mülls -
wem sage ich das hier in Gorleben!

Vielen Dank.

(Dr. med. Winfrid Eisenberg, Kinderarzt, Herford)

Bearbeitet am: 01.09.2007/ad


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